PZ-Redakteurin gibt Tipps zur Fastenzeit

Gewinn durch Verzicht: Fasten einmal anders

Die Zeit des Schlemmens ist vorbei, denn morgen beginnt die Fastenzeit. PZ-Redakteurin
Tina Braun hat die Redaktion deshalb heute noch einmal mit Krapfen
verführt.
Die Zeit des Schlemmens ist vorbei, denn morgen beginnt die Fastenzeit. PZ-Redakteurin Tina Braun hat die Redaktion deshalb heute noch einmal mit Krapfen verführt. | Foto: Sichelstiel2016/02/tina-krapfen.jpg

LAUF — Nach Fasching und Völlerei beginnt morgen an Aschermittwoch die Fastenzeit. 40 Tage und Nächte üben sich viele Menschen bis Ostern im Verzicht. Doch beim Fasten muss es nicht ums Essen gehen, es können auch Verhaltensweisen überdacht oder Materielles entbehrt werden. PZ-Redakteurin Tina Braun hat für ihr Projekt „Mein Monat ohne“ ein Jahr lang jeden Monat auf etwas anderes verzichtet. Für die PZ hat sie ihre Erfahrungen zusammengefasst und gibt hier ein paar Anregungen, was man alles fasten kann:

Die Idee, dass Verzicht auch Gewinn sein kann, ist ja nicht ganz neu. Christen fasten schon seit dem fünften Jahrhundert und nutzen diese Zeit, um Buße zu tun. Für mich war es eher eine Möglichkeit, mein Verhalten zu überdenken und das, was ich für Selbstverständlich hielt, genau unter die Lupe zu nehmen. Ganz wichtig war mir dabei, was eine alternative Lebensweise denn bewirkt – für mich selbst, meine Mitmenschen oder die Umwelt. Für jeden Monat hatte ich mir ein anderes Thema vorgenommen, die sich grob in vier Bereiche einteilen lassen: Ernährung, Technik, persönliche Angewohnheiten und alternative Lebensformen.

Selbstgemacht und vegan

Das Essen hat auch bei meinem Projekt eine große Rolle gespielt, schließlich tun wir es jeden Tag und haben uns hartnäckige Vorlieben und Abneigungen angewöhnt. Im April habe ich den Klassiker ausprobiert und Kaffee, Alkohol und Süßigkeiten weggelassen. Besonders schwer fand ich das nicht. Komplizierter war der Oktober ohne „Convenience Food“ (aus dem Englischen für „Bequemes Essen“): Ob Konserven, Tütensuppen oder Lieferservice – nichts dergleichen war erlaubt. So stand ich viel im Supermarkt und am Herd, habe selbst Brot gebacken und frische Nudeln zubereitet. Das ist zwar sehr aufwändig, dafür setzt man sich intensiv mit Nahrung auseinander, weiß, was drin steckt und es schmeckt auch noch besser.

Die größte Herausforderung in Sachen Ernährung war aber mein Monat ohne tierische Nahrungsmittel im Januar. Vegane Ernährung war mir bis zu diesem Zeitpunkt fremd. Anders als Vegetarier meiden Veganer zusätzlich zu Fleisch und Fisch auch Milch, Eier und Honig. Das schränkt das gewohnte Essverhalten zwar ein, doch wer kreativ wird, kann viele leckere Alternativen entdecken. Im Kuchen wird statt Butter einfach Pflanzenfett verwendet, Cappuccino oder Müsli schmecken mit Soja-, Hafer-, Kokos- oder Mandelmilch zwar gewöhnungsbedürftig, aber gar nicht schlecht und Pizza macht ohne Käse auch noch weniger dick.

Mir ist die gemüselastige Kost ausgezeichnet bekommen. Viel interessanter finde ich aber, warum Menschen sich dafür entscheiden, vegan zu leben. Wer sich einmal ernsthaft und ohne Vorurteile damit befasst, bekommt – egal was er vorher über Tierhaltung und -schlachtung zu wissen glaubte – teils schockierende Einblicke. Denn Tiere sterben nicht nur für ihr Fleisch, sie leiden oft auch für die Ei- und Milchproduktion. Ein Augenöffner, nicht nur in kulinarischer Sicht, der auch mein Ess- und Einkaufsverhalten verändert hat.

Eine Welt aus Plastik

Aber ich habe nicht nur auf Lebensmittel verzichtet. Der schwierigste, aber auch einer meiner interessantesten Versuche war, so wenig Plastikmüll wie möglich zu verursachen. Jutebeutel zum Einkaufen mitzunehmen und Shampoo in Seifenform zu finden waren noch die leichtesten Aufgaben. Aber suchen Sie im Supermarkt und selbst im Reformhaus mal Toilettenpapier ohne Plastikverpackung. Auch viele Tabletten sind anders nicht zu bekommen. Trotzdem ist es überraschend zu sehen, wie viel Müll sich tatsächlich vermeiden lässt.

Spannend war auch mein Monat ohne Luxus im Dezember. Angelehnt an den Satz für Hartz-IV-Empfänger hatte ich 400 Euro zur Verfügung – ohne Miete, Versicherungen oder Ähnliches. Ein lohnenswerter Einblick, der erahnen lässt, wie es einem Langzeitarbeitslosen ergehen muss. Das Geld reicht gerade so zum Leben, von vielen Aktivitäten bleibt man aber ausgeschlossen und Rücklagen für größere Anschaffungen oder gar Urlaub zu schaffen, ist fast unmöglich.

Ohne Handy geht es auch

Technik erleichtert uns in vielen Bereichen das Leben. Oder nicht? Mein Handyverzicht im Februar hat ein zwiespältiges Ergebnis erbracht. Es hat zwar ein paar Tage gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte, nicht ständig alles googlen zu können und Termine wieder im Kopf zu haben. Aber dann empfand ich es sogar als befreiend, nicht immer und überall erreichbar zu sein. Ich war erstaunt, wie oft ich sonst zum Handy greife und wie entspannend ein paar Wochen ohne das kleine Technikwunder sein können – definitiv zu empfehlen!

Noch deutlicher wurde es im Juli, als der Zeitfresser Fernseher aus blieb und jede Menge Raum für Hobbys und Freunde frei wurde. Und im September war ich einen Monat lang ohne Auto unterwegs. Viel günstiger war das allerdings nicht, denn die Öffentlichen haben im Nürnberger Raum gesalzene Preise und auch das Leihauto für ein paar Stunden ist nicht gerade günstig. Dafür habe ich rund 100 Kilogramm CO2 eingespart und ganz nebenbei auch noch etwas für meine Fitness getan, weil ich viel mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs war.

Der Innere Schweinehund

Apropos zu Fuß: Im Mai habe ich einen Monat ohne Bewegungsmangel eingelegt und durchschnittlich jeden Tag 10 000 Schritte (rund acht Kilometer) gemacht – der Schrittzähler im Handy hat mitgezählt. Das klingt vielleicht nicht viel, aber das 31 Tage lang durchzuhalten, war wirklich hart. Zu empfehlen ist es trotzdem, weil man viel Zeit an der frischen Luft verbringt und fitter wird.

Den Inneren Schweinehund musste ich noch einige andere Male überwinden, um meine Gewohnheiten zu ändern: Im März habe ich versucht, nicht zu schimpfen und zu fluchen, was gar nicht so einfach war. Hin und wieder muss man schon mal Dampf ablassen, um am Ende nicht vor Wut in die Luft zu gehen. Für jeden Fluch habe ich am Ende einen Euro an ein Tierheim gespendet – so war das Ganze wenigstens für einen guten Zweck.

Im August hatte ich mir vorgenommen, einen Monat lang nicht zu lügen – auch kleine Notlügen waren nicht erlaubt. Und bis auf wenige Male habe ich es auch geschafft, mich daran zu halten. Allerdings: Kleine Flunkereien gehören dazu. Würde man jedem immer die schonungslose Wahrheit ins Gesicht sagen, wäre ein harmonisches Zusammenleben undenkbar.

Fast unmöglich war es für mich, mir eine besonders schlechte Eigenschaft abzugewöhnen: das Prokrastinieren (Aufgaben aufschieben). Ich hatte mir eine ganze Liste angelegt, mit Dingen, die ich gerne nach hinten verschiebe und die ich im Juni nach und nach endlich erledigen wollte – einige davon stehen noch bis heute unangetastet darauf. Eingefahrene Gewohnheiten lassen sich eben nicht von heute auf morgen abstellen, aber einen Anfang zu machen, kann auch nicht schaden.

Nach einem Jahr habe ich nicht mein ganzes Leben umgestellt, aber immerhin an einigen Stellschrauben gedreht. Einige Themen fielen mir leicht, mit anderen habe ich mich überraschend schwergetan. Bereut habe ich mein Projekt jedenfalls nie, gelernt dafür jede Menge. Wer sich im Verzicht übt, kann viel Neues entdecken, Verständnis für andere entwickeln und manchmal sogar seinen Blick auf die Welt korrigieren.

Wer sich selbst einmal an der einen oder anderen Aufgabe versuchen möchte, hat dazu in der Fastenzeit eine gute Gelegenheit und findet vielleicht sogar Gleichgesinnte. Denn gemeinsam geht es immer leichter. Und jeder hat doch Momente, in denen er sich fragt, ob er manches nicht anders angehen könnte…

Mehr verrät Tina Braun online in ihrem Blog www.meinmonatohne.de.

N-Land Tina Braun
Tina Braun
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