Afghanische Asylbewerber vor unsicherer Zukunft

Flüchtlinge und Ausbilder hängen in der Luft

Mehdi aus Afghanistan (links) hat bei Frisör Roland Eckstein in Lauf eine Ausbildung begonnen. Er und viele seiner Landsleute wissen aber nicht, wie lange sie noch in Deutschland bleiben dürfen, seit Afghanistan zum „sicheren Herkunftsland“ erklärt wurde.
Mehdi aus Afghanistan (links) hat bei Frisör Roland Eckstein in Lauf eine Ausbildung begonnen. Er und viele seiner Landsleute wissen aber nicht, wie lange sie noch in Deutschland bleiben dürfen, seit Afghanistan zum „sicheren Herkunftsland“ erklärt wurde. | Foto: Braun/PZ-Archiv2017/02/azubis-friseur-eckstein-fluchtling-mehdi-lena.jpg

NÜRNBERGER LAND — Sie haben eine Lehrstelle oder sind zumindest auf dem besten Weg dorthin – und müssen jetzt trotzdem damit rechnen, abgeschoben zu werden. Seitdem Afghanistan zum „sicheren Herkunftsland“ erklärt wurde, wird für Asylbewerber aus dem Land am Hindukusch ihr Aufenthalt in Deutschland zur Hängepartie. Doch nicht nur für die Flüchtlinge selbst, auch für die Firmenchefs, die nicht wissen, wie lange ihre Mitarbeiter noch im Unternehmen sind.

Drei Afghanen, zwei Somalier, einen Iraker und einen Syrer beschäftigt die Laufer Firma EuWe Eugen Wexler GmbH seit September im sogenannten Einstiegsqualifizierungsjahr (EQF). In dieser Vorstufe zur Ausbildung, zu der Berufsschul­unterricht und Praktikum gehören, sollen die jungen Leute vor allem Deutsch lernen, damit sie sprachlich fit sind für die anschließende Lehre. Zwei Afghanen haben nun aber eine Ablehnung ihres Asylantrags erhalten – der Unternehmerverband riet Wexler zunächst, ein Beschäftigungsverbot auszusprechen, um nicht einen Bußgeldbescheid zu riskieren. Zwar wurde dies inzwischen revidiert, solange die zwei Afghanen noch „geduldet“ sind, also eine Aufenthaltsgenehmigung haben, dürfen sie weiter arbeiten. In einem Fall läuft diese allerdings Ende Februar aus. Was dann ist, weiß niemand.

Die Geschäftsleitung will das nicht einfach hinnehmen. „Das sind engagierte junge Leute, die trotzdem jederzeit abgeschoben werden können. Als Unternehmer brauche ich aber Planungssicherheit“, sagt Eugen Wexler junior. Denn der Nachwuchs aus dem Ausland ist willkommen im Laufer Traditionsbetrieb, wo Ausbildungsplätze im gewerblichen Bereich, beispielsweise bei den Kunststoffformgebern, mangels Bewerbern immer öfter unbesetzt bleiben. „Wenn junge Leute hören, dass sie später im Dreischichtbetrieb arbeiten müssen, sinkt die Motivation“, berichtet Eugen Wexler. Er will jetzt das Gespräch mit politischen Vertretern suchen.

Behörde prüft jeden Einzelfall

Tatsächlich handle es sich derzeit in Bayern um Einzelfallbetrachtungen, wie mit Flüchtlingen aus Afghanistan verfahren wird, erklärt Jürgen Thoma von der Ausländerbehörde am Landratsamt. Bisher habe die „Drei-plus-zwei-Regelung“ gegolten: Die Asylbewerber durften eine dreijährige Lehre absolvieren und hatten eine zweijährige Aufenthaltsgenehmigung für die Zeit danach, um im erlernten Beruf zu arbeiten. Mit einem Schreiben aus dem bayerischen Innenministerium wurde diese Regelung aber zuletzt aufgeweicht. „Asylbewerber, die bereits in der Lehre sind, haben in der Regel bessere Chancen auf Bleibe als solche, die im EQJ sind“, sagt Thoma. Natürlich dürften sie sich nichts zuschulden kommen lassen und müssen an der Identitätsfindung mitwirken. Das letzte Wort hätten aber die zen­tralen Ausländerbehörden.

„Es wäre eine Katastrophe für mich, wenn Belal gehen müsste. Er ist unentbehrlich“: Frisör Esat Pllavci ist regelrecht verzweifelt. Seit September bildet er einen 17-jährigen Afghanen aus, vor Kurzem hatte Belal seine Anhörung. Natürlich habe er Angst, dass er zurück muss, räumt der junge Mann ein, der sich in Franken sehr wohlfühlt. Sein Chef will alle Hebel in Bewegung setzen, dass sein Azubi in Deutschland bleiben darf. Auch, weil dieser in relativ kurzer Zeit schon viel gelernt hat: Er wäscht, schneidet, färbt, kommt auch sprachlich gut zurecht. „Ich habe beim Praktikum gleich gesehen, dass er ein gutes Aufnahmevermögen hat“, erinnert sich Esat Pllavci, der vorher Schwierigkeiten hatte, geeignete Bewerber zu finden.

Gleiches gilt für Roland Eckstein, der seinen Salon nur einen Steinwurf entfernt betreibt und im Rahmen der Einstiegsqualifizierung Mehdi aus Afghanistan ausbildet. „Er ist gut integriert, ich habe meine Entscheidung nicht bereut.“ Zwar habe Mehdi eine Aufenthaltsgenehmigung, wie lange er in Deutschland bleiben darf, ist aber ungewiss. „Wir stecken auch viel Geld in unsere Lehrlinge, um Mitarbeiter für die Zukunft zu gewinnen. Deshalb kann ich mit dieser Situation nicht zufrieden sein.“

Die Vorzeichen haben sich verändert

Auf die veränderten Vorzeichen muss sich auch die Wirtschaftsförderung des Landkreises einstellen, die zuletzt im Rahmen ihres „Speeddatings“ noch afghanische Asylbewerber an Ausbildungsbetriebe vermittelt hatte. „Es ist schon frustrierend, denn das Ziel, die Leute in Arbeit zu bringen, wurde ja erreicht“, sagt Frank Richartz. Für das nächste Speeddating beim Laufer Ausbildungsforum werde man nur noch Bewerber aus Syrien, Somalia, Irak, Iran und Eritrea einladen, also aus den fünf Ländern mit (derzeit) hoher Bleibewahrscheinlichkeit.

Auch Stefan Kastner, Leiter des Bereichs Ausbildung bei der IHK Nürnberg, hat beobachtet, dass die Verunsicherung bei den Unternehmen groß ist. Insgesamt seien in Mittelfranken derzeit rund 200 Flüchtlinge in Ausbildungsverhältnissen. An der Laufer Berufsschule sitzen elf Flüchtlinge, die eine Lehrstelle haben, in den Fachklassen. Ein relativ kleiner Anteil verglichen mit den 280 Schülern (ab dem Halbjahr werden es über 400 sein), die hier die „Berufsintegrationsklassen“ besuchen, wo sie auf eine Berufsausbildung vorbereitet werden sollen. „Zurzeit ist schon eine große Unruhe spürbar, weil viele einen Ablehnungsbescheid bekommen“, weiß stellvertretender Schulleiter Michael Gebhard.

Abschiebung trifft oft Ausbildungswillige

Ein „großes Problem“ sei es, dass ausbildungswillige junge Leute, in die der deutsche Staat bereits viel investiert habe, zurück nach Afghanistan müssen, meint Willibald Neumeyer, der Leiter des Schnaittacher Jugendhilfezentrums, das unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge betreut. Die Verhältnismäßigkeit stimme einfach nicht, wenn andererseits beispielsweise ein Jugendlicher aus Eritrea, der aufgrund seines Herkunftslandes in Deutschland bleiben darf, einen Job am Bau ablehne.

Einer von vier Afghanen aus der Obhut des Jugendhilfezentrums, die erfolgreich vermittelt werden konnten, ist Omid. Er macht eine Ausbildung bei der Kunstschreinerei Hanstein in Osternohe. Sein Asylantrag sei vor Kurzem abgelehnt worden, erzählt Lehrherr Hans Joachim von Hanstein. Ob Omid die Ausbildung beenden könne, stehe derzeit in den Sternen, seine Betreuerin kämpfe darum. „Die Situation belastet ihn natürlich sehr“, sagt der Schreinermeister, der aber nicht verhehlt, dass die Zusammenarbeit mit dem 18-jährigen Afghanen Höhen und Tiefen hat. Inzwischen spreche er zwar besser Deutsch, dennoch müsse er ihm viel erklären und sich mit Tricks wie Aufzeichnen behelfen.

Auch die Laufer Bauunternehmung Hierl beschäftigt seit Kurzem einen jungen Afghanen, der noch im Berufsgrundschuljahr ist und danach eine Ausbildung zum Maurer beginnen wird. Der 19-Jährige ist jedoch – anders als viele seiner Landsleute – als Flüchtling anerkannt, wartet darauf, dass Frau und Kind zu ihm ziehen dürfen. „Wäre er nicht anerkannt, hätten wir uns nicht darauf eingelassen“, stellt Firmenchef Wolfgang Müller unmissverständlich klar.
Stefanie Buchner-Freiberger

N-Land Stefanie Buchner-Freiberger
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