Renate Lendl aus Neuhaus schrieb Brandbrief an den Landrat

Die Helfer brauchen Hilfe

Renate Lendl fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. | Foto: Michael Scholz2016/06/7215928.jpg

NEUHAUS – „Politische Versäumnisse können durch Ehrenamtliche nicht einfach wettgemacht werden.“ Mit diesem Satz endet der Brandbrief von Renate Lendl vom Flüchtlings-Unterstützerkreis „Neuhaus hilft“ an Landrat Armin Kroder, der vergangene Woche die Wogen beim Thema Asyl und Helferkreise hochgehen ließ. Im Gespräch mit der HZ äußert sich die 55-Jährige überrascht, wie vielen Ehrenamtlichen sie aus dem Herzen gesprochen hat. Siehe auch Kommentar am Textende („Politiker, seht hin!“).

Wer Renate Lendl zuhört, dem scheint die HZ-Schlagzeile „Aufstand der Asylhelfer“ vor über einer Woche über das erste Treffen der frustrierten und verärgerten Basis mit Landrat Kroder nach wie vor nicht als übertrieben. Es ist kaum zu glauben, womit sich Menschen in einem auf hohem Niveau verwalteten und organisierten Staat wie unserem herumschlagen müssen, wenn sie Asylbewerbern unentgeltlich helfen wollen. Sie kämpfen mit einer überregulierten und -formalisierten Bürokratie und viel zu oft fühlen sie sich im Stich gelassen.

In Neuhaus zum Beispiel stehen aktuell 75 Asylbewerbern fünf engagierte Mitbürger und ein paar weitere Gelegenheitshelfer gegenüber, die dafür sorgen, dass die Syrer oder Ukrainer ihren Alltag bewältigen können, zum Rathaus oder zum Arzt finden und ihre Pflichten im Asylverfahren überhaupt erst erfüllen können. Sonst wäre da niemand, abgesehen von einem Asylsozialberater, der alle vier Wochen kommt. Mehr schafft er nicht, angesichts von im Nürnberger Land 1600 Asylbewerbern in 44 Unterkünften, die er und acht Kollegen unter der Regie von Caritas und Diakonischem Werk und einem weiteren, den die Gemeinde Schwarzenbruck beschäftigt, begleiten sollen. So erzählt es Renate Lendl.

Eigentlich hatte sie sich das ganz anders vorgestellt, als sie vor fast zwei Jahren nach ihrer Arbeit und neben privaten Verpflichtungen damit begann, Asylbewerbern zu helfen. „Ich wollte die Flüchtlinge willkommen heißen, mit ihnen Kaffee trinken, Geschichten erzählen und einfach lustig sein. Ihnen in ihrer Situation ein Stück Normalität bieten.“ Eine schöne Idee, „die schon lange auf der Strecke bleibt“, klagt sie. Sie fülle nur noch Formulare aus und renne den komplizierten Anforderungen der deutschen Bürokratie hinterher.

„Sie müssen wissen“, sagt sie, „Asylbewerber kriegen ständig Briefe.“ Das sind meistens Behördenschreiben, die wichtig sein können, wichtig für die Anerkennung im Asylverfahren, wichtig, um in Deutschland zurechtzukommen und überleben zu können. „Aber die Flüchtlinge können niemand fragen, was drin steht“, sagt Lendl. Das liege schon daran, dass sie die deutsche Sprache nicht beherrschen, geschweige denn die der Behörden. Auch die Ehrenamtlichen müssen sich mit Händen und Füßen mit ihnen verständigen. „Das braucht viel Zeit.“

Diese Zeit nimmt sich die Neuhauserin mit ihren vier Kolleginnen, nicht etwa ein vom Staat bestellter Hauptamtlicher. In Neuhaus kommt es auch vor, dass niemand die Neuankömmlinge in Empfang nimmt: Eines Freitagabends traf eine junge Familie mit vier kleinen Kindern ein, direkt von der Zentralen Aufnahmestelle in Zirndorf. Es war 19 Uhr. Seit einer Stunde hatte die letzte Einkaufsmöglichkeit geschlossen. „Sie hatten kein Geld, kein Essen, kein Trinken und keinerlei Information, weder aus Zirndorf noch vom Landratsamt. Sie werden quasi ausgesetzt“, berichtet Lendl.

Hätten andere Asylbewerber sich nicht darum gekümmert, hätten auch die Helfer nichts erfahren. Und was ist als Erstes zu tun? „Jemand fährt mit ihnen zum Einkaufen. Von mir bekamen sie Kleidung, Handtücher und Bettwäsche aus der Kleiderkammer“, erzählt Lendl. Sonst stünden Asylbewerber da in der Pampa, sprachlos, verständnislos und für diesen Abend auch ohne Essen und Trinken. „Die staatliche Betreuung findet nicht statt“, fasst die Neuhauserin zusammen.

Das Nichtwissen ist ein großes Problem auf Flüchtlings- und auf Helferseite. Lendl kann viele Geschichten erzählen, in denen sie fast verzweifelte. Zum Beispiel als eine bereits als Flüchtling anerkannte Syrerin das deutsche Bankwesen mit Konto und Überweisungen partout nicht begreifen wollte. Sie hob immer wieder alles Geld ab, ohne es auszugeben. Das Problem: So war ihr Konto nicht gedeckt. Sie kannte nur Bargeld. Vieles ist für Fremde völlig neu in Deutschland.

„Man bräuchte für sie grundsätzlich etwas in die Hand, das einfach erklärt, wie Deutschland funktioniert — das fehlt.“ Die Helferkreise gleichen das durch ihren unermüdlichen Einsatz aus. Erklären, machen, zeigen. Manche sind zu wahren Experten gereift, was Regularien und Behördenanträge angeht. Wie das? „Ich habe die Asylsozialberater gefragt, das Jobcenter, habe Leitfäden anderer Landkreise, Ehrenamtlichenkreise oder Behörden gelesen — alles zusammengebettelt von irgendwoher“, beschwert sich Lendl.

Die Bürokratie hat es in sich, nicht nur wegen des Fachwissens, auch wegen der auf den Schultern der Ehrenamtlichen lastenden Verantwortung: „Da darf man keinen Fehler machen, weil es um viel geht, unter Umständen um Menschenleben und um Familien.“ Eine Fortbildung immerhin gab es. Vom Asylsozialberater: Zwei Abende darüber, wie das Asylverfahren funktioniert.

Renate Lendl schimpft, dass diese Aufgaben, das Papier und die Termine immer mehr werden. Als sie nun aufgefordert wurde, Bankkonten für alle 75 Neuhauser Flüchtlinge zu eröffnen, riss ihr die Hutschnur. Sie verfasste den Brandbrief an den Landrat: „Die Gemeinde soll entlastet werden und die Ehrenamtlichen sollen es richten! Ja, geht’s noch!“ Erbost formulierte sie einen Maßnahmenkatalog, Forderungen an die Politik, den sie an die anderen Helferkreise verschickte, die ergänzten und zusammenfassten. Das Ergebnis legte sie dem Landrat vor.

KOMMENTAR:
Politiker, seht hin!
Renate Lendl ist eine typische Asylhelferin. Weil sie viel in der Welt herumgekommen ist und dabei große Gastfreundschaft erfahren hat, will sie nun Fremden — für sie selbstverständlich — in der Not helfen. Als ein Gebot der Menschlichkeit. Was muss passieren, wenn so jemand, der felsenfest in diesem Weltbild verankert ist, kurz davor ist, die Asylhilfe hinzuwerfen?
Allzu leicht werden diese Ehrenamtlichen als zwar willkommene, aber anonyme Masse betrachtet. Die im Detail dramatisch schlecht organisierte Integration von Asylbewerbern und anerkannten Flüchtlingen würde ohne dieses enorme freiwillige Engagement nicht funktionieren. Zu viel läuft schief, wenn der starke innere Antrieb dieser Mitbürger von Frust überschwemmt wird. Politiker aller Ebenen, vor allem in München, seht hin und tut etwas! ⋌ Michael Scholz

N-Land Michael Scholz
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