Komödie "Charleys Tante" überzeugte bei Premiere im DHT

Zwei Tanten sind eine zu viel

Verstehen sich prächtig: Miss Anny Spettigue (Michelle Völkl), der Butler Brassett als falsche Tante Donna Lucia (Arnd Rühlmann) und Miss Kitty Verdun (Marietta Holl).
Verstehen sich prächtig: Miss Anny Spettigue (Michelle Völkl), der Butler Brassett als falsche Tante Donna Lucia (Arnd Rühlmann) und Miss Kitty Verdun (Marietta Holl). | Foto: Fotos: Kirchmayer2016/02/Charleys-Tante-Damenrunde.jpg

Ausgerechnet der Butler muss die reiche Tante aus Brasilien mimen und hat plötzlich das Schicksal seines arroganten Arbeitgebers in der Hand. Regisseur Marcus Everding holt mit „Charleys Tante“ einen alten Schinken aus der Abstellkammer, der im neuen Gewand und um eine entscheidende Pointe reicher das Premierenpublikum im Dehnberger Hof Theater begeistert.

Travestie auf der Bühne ist fast so alt wie das Theater selbst. Schon im antiken Griechenland gab es nur männliche Schauspieler, die auch die weiblichen Rollen übernahmen.

Auf dem Prinzip, sich mit meist übertrieben auffälligen Kostümen samt Handtäschchen und Hut als Dame zu verkleiden, basiert der Erfolg des Fürther Kabarettisten-Duos Volker Heißmann und Martin Rassau als „Waltraud und Mariechen“.

So ähnlich funktioniert auch „Charleys Tante“. Heinz Rühmann und Peter Alexander schlüpften in den 1950er und 1960er Jahren für Spielfilme in Frauenkleider und gaben sich als reiche Tante aus Südamerika aus. Der Stoff ist aber noch viel älter. Das Theaterstück stammt aus der Feder des Engländers Brandon Thomas aus dem Jahr 1892.

Der Butler schlüpft ins Kleid

An sich sei das Stück ausgelutscht und wenig reizvoll, befand Regisseur Marcus Everding. Er wagte sich für das Dehnberger Hof Theater an eine Neufassung, mit der die ulkige Verwandlungsklamotte durch einen Kniff plötzlich auch eine sozialkritische Dimension erhält: Denn statt eines Freundes oder Verwandten schlüpft hier der Butler in Frauenkleider und entscheidet über das Wohl oder Wehe seines hochnäsigen und mit ausgeprägtem Klassenbewusstsein ausgestatteten adeligen Arbeitgebers Jack Chesney.

Da erscheint es passend, dass die Handlung ins London des Jahres 1912, unmittelbar nach dem Untergang der Titanic, verlegt wurde. Schrecklich sei diese Tragödie, da sind sich die Figuren alle einig. Wobei, wie der junge Jack mit dem zynischem Selbstverständnis eines Aristokraten anhand eines halb gefüllten Glases erklärt, die Reichen im Schiff ganz oben untergebracht werden und deshalb logischerweise als erste gerettet werden – und vor allem die Armen ersaufen.

Jener Jack Chesney hat eh ganz andere Sorgen als einen untergegangenen Luxusliner: Sein soeben aus Indien heimgekehrter Vater eröffnet ihm, dass der verstorbene Großvater statt eines Vermögens nichts als Schulden hinterlassen hat. Und nicht nur das: Um seiner Angebeteten Kitty Verdun einen Heiratsantrag machen zu können, benötigt er ebenso wie sein Freund Charley Wykeham, der Anny Spettigue ehelichen möchte, einen Vorwand. Der Besuch von Charleys schwerreicher Tante aus Brasilien bietet sich geradezu an – nur dumm, dass sie kurzfristig per Telegramm abgesagt hat.

Liebestolle Männer

Die jungen Herren sind am Boden zerstört. „Zaubern müsste man können“… oder jemanden finden, der spontan die Tante mimt. Der Butler ist angesichts der Idee, für seinen Chef ins Kleid zu schlüpfen, zunächst not amused. Doch nach kurzer Eingewöhnung geht Brassett (überzeugt allein schon durch seine Mimik: Arnd Rühlmann) in seiner Rolle auf und lässt sich beim Lunch, der Butler ist ja gerade unpässlich, von seinem eigenen Arbeitgeber teuren Champagner einschenken.

Komplettiert wird die Reihe liebestoller Männer bald von Jacks Vater und dem herrischen Anwalt Stephen Spettigue, die beide ausgerechnet der falschen Tante den Hof machen. Kein Wunder, dass der zunehmend überforderte Butler die Lust an dem Schauspiel verliert. Dass letztlich die echte Tante doch noch auftaucht und die Maskerade beendet, ist für Brassett mehr Erlösung als Bloßstellung.

„Schaffen wir das?“

Die Gäste im bei der Premiere nicht ganz voll besetzten Dehnberger Hof Theater kommen auf ihre Kosten. Während das stimmige Bühnenbild und die Kostüme die Zuschauer ins Jahr 1912 entführen, liefert Everdings Neufassung für das DHT neben obligatorischen Zoten auch Anspielungen auf aktuelle Themen. „Schaffen wir das?“, fragt Charley etwas zweifelnd. Und Jack, fast staatstragend: „Wir schaffen das!“

Dem DHT ist mit dieser frischen Version eines Klassikers ein guter Griff gelungen. Die Schauspieler können durch die Bank überzeugen, die Gags zünden, die rund zweistündige Spielzeit vergeht wie im Flug.

Im Sinne von Hegels Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft, die Regisseur Marcus Everding, auf der Bühne verarbeiten wollte, bleibt das Stück allerdings zahm: Trotz allen Protests, der Butler spielt seine Rolle bis zuletzt und holt die Kohlen aus dem Feuer.

„Charleys Tante“ läuft im DHT zunächst bis April. Karten gibt es im Service-Center der Pegnitz-Zeitung.

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer
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