Von Hexen und Druden im historischen Bamberg

Bei ihrer Lesung in Schönberg entführte die Schwabacher Buchautorin, Sabine Weigand, die Besucher in das Bamberg des 17. Jahrhunderts
Bei ihrer Lesung in Schönberg entführte die Schwabacher Buchautorin, Sabine Weigand, die Besucher in das Bamberg des 17. Jahrhunderts2010/03/20100315_weigandbuechereischoenberg_big_01.jpg

SCHÖNBERG – Hexenverfolgung im katholischen Bamberg stellt Sabine Weigand in ihrem aktuellen Buch »Die Seelen im Feuer» in den Mittelpunkt. Anlässlich des 75. Geburtstages der evangelischen Gemeindebücherei in Schönberg las die bekannte Schwabacher Autorin (»Die Markgräfin») dort aus ihrem neuesten Roman vor und stellte unterhaltsam geschichtliche, politische und soziologische Zusammenhänge her.
Die Zeit der Hexenverfolgung verbinden wir schnell mit dem »finsteren Mittelalter». Weit gefehlt: Die Hoch-Zeit dieser schrecklichen Progrome fällt in die Mitte des 17. Jahrhunderts, als die Ideenwelt der Moderne andernorts Einzug hält. »Aber so normal, wie für uns heute Vitamine im Salat sind, obwohl wir die nicht sehen, genauso normal waren für die Menschen damals Hexen und Druden», erklärt Sabine Weigand ihrem Publikum. 
Selbst hochrangige Wissenschaftler hätten über Hexen geschrieben; der Physiker Isaac Newton hat sogar mehr Texte über Okkultismus verfasst als über seine physikalischen Erkenntnisse. Der promovierten Historikerin Weigand ist es besonders wichtig, das für uns heute schwer nachzuvollziehende Empfinden der Menschen von damals zu verstehen statt diese zu verurteilen. 
»Wo eine Hexe ist, da müssen noch mehr sein» und »Eine Hexe kann man an nichts erkennen; es kann die eigene Mutter, Schwester, Tochter sein oder auch der Vater…» – so die Vorstellungen der Menschen dieser Zeit. 
In dieses bedrohliche Lebensgefühl nimmt Weigand ihre Zuhörer und Leser mit. In der ersten Szene konkret ins Jahr 1626 ins Hinterhaus der Mohrenapotheke in Bamberg. Es ist dunkel, es wird Nacht, der Wind draußen rüttelt an Türen und Fenstern. Die kleine Marile fürchtet sich vor herumfliegenden Hexen und Unholden und ihr Großvater versucht die Familie mit dem Neunkräutersegen zu schützen. Der Nachtwächter geht draußen umher und rät den Familien, zeitig ins Bett zu gehen, um geschützt zu sein. Am nächsten Morgen wird der Nachtwächter mit vor Angst geweiteten Augen tot aufgefunden.
An der Hauptperson des Buches – Hansi Moorhaupt, jugendlicher Sohn eines Bamberger Bürgermeisters im Erkenntnisdrang – hat Weigand den Beginn dieser Hexenverfolgungen exemplarisch dargestellt. Neben vielen anderen Originalzitaten ist in »Die Seelen im Feuer» der berühmte Abschiedsbrief eines Bamberger Bürgermeisters an seine Tochter enthalten. Auch er war der Zauberei angeklagt. »Dieser Brief gilt weltweit als einzigartige Quelle der Innensicht eines Betroffenen», so die Autorin. Auch daraus liest Weigand vor – bedrückende Stille und schweres Atmen im Raum. 
Warum aber tritt der Hexenglauben ausgerechnet in der Moderne auf? Sabine Weigand kennt einige Erklärungen: In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts bricht der 30-jährige Krieg aus, ein weiterer Grund sind die Nachwirkungen der Reformation 100 Jahre zuvor. Die Untertanen mussten sich dem jeweiligen Glauben ihres Landesherren anschließen, auch wenn sie selbst anders aufgewachsen waren. Überdies hatte eine – wie man heute weiß – kleine »Eiszeit» damals für lange, kalte Winter und nasse, kühle Sommer gesorgt mit verheerenden Folgen für die Ernte. Hunger und Seuchen waren unvermeidlich. In dieser Situation genügte nur ein Funke, erklärt Sabine Weigand, um Sündenböcken die Hölle auf Erden zu bereiten.
Das Erzbistum Bamberg war in der seltenen Lage, mit seinem katholischen Fürstbischof sowohl geistliche wie weltliche Macht ausüben zu können. Fürstbischof Johann Georg II. Fuchs von Dornheim (1623–1633) sorgte mit seiner besonders massiven Hexenverfolgung sogar dafür, dass der gesamte Bamberger Stadtrat hingerichtet wurde. Dahinter standen handfeste wirtschaftliche und machtpolitische Interessen, erklärt die Autorin. Ganze Familien wurden auf diese Weise ausgelöscht. Zehn Prozent der Bevölkerung fielen der Hexenverbrennung zum Opfer; keine Familie blieb ohne Verluste. »Diese Vorgänge gingen auch mir als geschulter Historikerin nahe» schildert die Autorin ihre Gefühle, als sie sich mit den umfangreichen Quellen in Bamberg beschäftigt hatte.
Nach der Lesung bringt Sabine Weigand mit ihrer offenen, symphatischen Art des Dialoges die Schönberger zum Diskutieren. Diesem wertvollen Vortrag hätte man noch viel mehr Zuhörer gewünscht.
Da nicht nur 75 Jahre Gemeindebücherei gefeiert werden, sondern auch das Jubiläum von Roland Gundel als Büchereileiter, bedankt sich Pfarrerin Gabriele Geyer nach der Lesung bei ihm für sein ehrenamtliches Engagement. Denn seit nunmehr 30 Jahren öffnet Gundel, der im Hauptberuf als Konrektor der Lebenshilfeschule in Schwabach tätig ist, jeden Freitagnachmittag die kleine Bücherei. Beschäftigt mit dem Ausleihen, Sortieren, Bücher anschaffen, Zuhören und sogar Kinderhüten sei er das Herzstück der Gemeindebücherei, so Pfarrerin Geyer. 

N-Land Susanne Berg
Susanne Berg