Sachverständiger lieferte Grundlage für Gerichtsentscheidung

Umstrittenes Gutachten: Mutter verliert ihre Kinder

Nur zweimal im Monat darf die 31-jährige Mutter aus dem Nürnberger Land mit ihren beiden Kindern unter Aufsicht zusammen kommen. Ein Gutachten attestiert ihr emotionale Instabilität und eine stark eingeschränkte Erziehungsfähigkeit.2013/09/sorgerecht_New_1380291001.jpg

NÜRNBERGER LAND – Eine junge Mutter verliert im Scheidungsstreit mit ihrem Mann das Sorgerecht für ihre Kinder. Ausschlaggebend für das Urteil ist ein vom Amtsgericht Hersbruck im Rahmen eines Sorgerechtsstreits in Auftrag gegebenes Gutachten, das bei näherer Betrachtung viele Fragen aufwirft.

Christa Berger (31) sei depressiv und emotional instabil. Es bestehe die Gefahr eines erweiterten Suizids, schreibt ein vom Amtsgericht beauftragter Gutachter über die junge Frau, deren Namen wir geändert haben. Sie lebt im Nürnberger Land und kämpft seit Monaten um ihre beiden Kinder, die ihr das Familiengericht in Hersbruck weggenommen hat. Dabei stützte sich das Gericht auf das Gutachten, das der 31-Jährigen die nötige Erziehungsfähigkeit abspricht. Wer ist Christa Berger? Eine lebensmüde Frau, die möglicherweise ihre Kinder mit in den Tod reißt? Davon jedenfalls musste die Richterin am Hersbrucker Amtsgericht ausgehen, als sie die Entscheidung traf, das Sorgerecht über die beiden Kinder dem Vater zu übertragen. Davon ging man auch beim Jugendamt in Lauf aus. Doch inzwischen gibt es erhebliche Zweifel.

Polizei holt Kinder ab

Rückblick: Als am 1. August 2012 am Hersbrucker Amtsgericht die Entscheidung fällt, dass Christa Berger das Sorgerecht für ihre beiden Kinder verliert, fährt sie mit dem vierjährigen Jungen und seiner siebenjährigen Schwester zu einer Freundin nach Nürnberg, um mit ihr den Ausgang des Gerichtsverfahrens zu besprechen. Mit dabei auch das jüngste Kind der 31-Jährigen, ein drei Monate altes Baby, das sie zusammen mit ihrem jetzigen Lebensgefährten hat. Am Abend steht dann plötzlich ein Sondereinsatzkommando der Polizei vor der Wohnungstür ihrer Freundin. Gefahr im Verzug, hieß es für die Beamten, deren Einsatzbefehl auch wieder auf dem Gutachten basiert, das Christa Berger als suizidgefährdet und gefährlich für die eigenen Kinder einstuft. Die werden der jungen Frau nun weggenommen. Während die beiden älteren zu ihrem Vater gebracht werden, kommt das Baby zu einer Pflegerin. Die Mutter nimmt man mit zur Wache. Zwei Stunden sitzt Christa Berger in der Polizeiinspektion Altdorf. Dort eröffnen die Beamten ihr, dass man sie ins Bezirkskrankenhaus nach Engelthal bringen muss. Dort zeigt sich das medizinische Personal nach einer ersten Untersuchung der jngen Frau überrascht. „Die Patientin wirkt bei der Aufnahme gefasst, geordnet, sehr freundlich und auskunftsbereit“, beschreibt Oberarzt Ernst Höfler die Situation. Sie habe betont, um ihre Kinder kämpfen zu wollen und sei traurig gewesen. Für die Mediziner im Bezirksklinikum ergab sich dann kein einziger Anhaltspunkt, der auf eine psychische Erkrankung der 31-Jährigen hingedeutet hätte. „Insbesondere ergab sich kein Anhalt für Suizidalität“, stellt der Oberarzt fest. Konsequenterweise entließ man die um Mitternacht angekommene Patientin schon am nächsten Tag.

Beim Jugendamt ist man unterdessen ratlos. Einerseits gibt es das auf Anordnung des Gerichts erstellte Gutachten, das Christa Berger als suizidgefährdet und erziehungsunfähig beschreibt, andererseits kommt jetzt das Signal aus Engelthal, dass die 31-Jährige offenbar geistig völlig gesund ist. Man entschließt sich jetzt ganz schnell, der jungen Frau zumindest ihr drei Monate altes Baby zurückzugeben. Die beiden älteren Kinder bleiben aber bei ihrem Vater, auf dessen Initiative erst das gerichtliche Gutachten über Christa Berger zustande kam.

Für Rechtsanwalt Jörg Zitzmann ergaben sich bei der Lektüre des für seine Mandantin Berger so verhängnisvollen Gutachtens eine ganze Reihe von Widersprüchen. Auf seine Anregung hat deshalb der Laufer Neurologe und Psychiater Dr. Gernot Sommer ein Nervenärztliches Gutachten über seine Mandantin erstellt. Dessen Quintessenz: Es liegt kein Hinweis auf bedeutsame seelische Störungen vor. Und es gibt auch keine Hinweise auf irgendwelche hirnorganischen Beeinträchtigungen. Er könne die vom Gerichts-Gutachter gestellten Diagnosen nicht nachvollziehen, fasst Sommerer zusammen. Eigentlich eine Ohrfeige für den vom Gericht beauftragten Sachverständigen. Nicht die einzige: Thomas Lippert, Nürnberger Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie hat das Gerichts-Gutachten unter die Lupe genommen und anschließend regelrecht zerpflückt: „Es ist völlig unklar, woher der Sachverständige seine Informationen bezogen hat, die zu seiner ausführlichen Beurteilungen führen“, so Lippert . Dieser habe bei Christa Berger zwar eine „emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typ“ diagnostiziert, aus seinem Gutachten könne aber nicht abgeleitet werden, worauf sich diese Diagnose stützt. Und überhaupt: Die Schlüsse des Gerichts-Sachverständigen könnten nicht überprüft werden, da der Gang der Untersuchung in dessen Gutachten nicht nachvollziehbar dokumentiert sei.

Begegnung nur unter Kontrolle

Schwere Geschütze also gegen die Arbeit des Sachverständigen, die die Grundlage für ein Urteil gegen Christa Berger bildet. Konsequenzen allerdings gibt es nicht. Die 31-Jährige darf ihren inzwischen fünfjährigen Sohn und ihre achtjährige Tochter nur zweimal monatlich sehen – in behördlich kontrollierten Räumen unter Aufsicht. Unter denselben Bedingungen also, die auch für Eltern gelten, denen man sexuellen Missbrauch vorwirft, oder die Drogen konsumieren.

So kann es nicht weitergehen, sagt Christa Berger. Sie hat vor dem Oberlandesgericht Nürnberg Beschwerde gegen die Entscheidung des Amtsgerichts Hersbruck eingelegt. Darüber wurde am 1. August verhandelt, wobei die Richter betonten, dass das vom Amtsgericht in Auftrag gegebene verhängnisvolle Gutachten für sie keine Rolle bei ihrer Entscheidung spiele. Jetzt liegt das Urteil des OLG vor. Alles bleibt, wie es ist. Das Sorgerecht soll weiterhin der Vater behalten, die Kinder sollen bei ihm leben, und die Mutter darf sie weiterhin nur zweimal monatlich sehen. Unter Aufsicht. Jörg Zitzmann kündigt an, dagegen in die Revision zu gehen.

N-Land Alex Blinten
Alex Blinten