Podiumsgespräch „Das KZ und die Kleinstadt“

Wie viel wussten die Hersbrucker?

Ulrich Fritz von der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten verdeutlicht die unmittelbare Nähe des früheren KZ-Geländes zu Wohngebiet und Strudelbad. | Foto: T. Gawor2016/09/7432690.jpeg

HERSBRUCK – Unter dem Titel „Das KZ und die Kleinstadt“ hatten die Stadt Hersbruck und die Stiftung Bayerische Gedenkstätten zu einem Podiumsgespräch ins Paul-Pfinzing-Gymnasium eingeladen. Moderiert von Thomas Muggenthaler vom Bayerischen Rundfunk erzählten Günther Beckstein, Irmingard Philipow und Dieter Rosenbauer, wie sie als Kinder das Außenlager des KZ Flossenbürg in Hersbruck, aber auch den Umgang der Stadt nach dem Krieg mit diesem dunklen Erbe wahrnahmen.

Ein KZ „am Rande der Kleinstadt“ sei das Lager gewesen, wie Ulrich Fritz, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, in seiner Einführung feststellt. Von Juli 1944 bis April 1945 lag es in direkter Nachbarschaft zum Strudelbad. Von Hersbruck mussten die Häftlinge jeden Tag den Weg nach Happurg antreten, wo sie in den Doggerstollen mörderische Schwerstarbeit verrichteten. Dieser tägliche Marsch war für die Bevölkerung unübersehbar.

Die ehemalige Grundschulrektorin Irmingard Philipow, die in Hersbruck aufgewachsen ist, erinnert sich, dass sie von zu Hause hören konnte, wie die Schritte der Häftlinge auf dem Pflaster hallten. Ein „unheimliches Gemurmel und Geraune“ hat sich der damals Achtjährigen tief eingeprägt, ebenso wie ein Erlebnis, das dort stattfand, wo sich heute in Hersbruck der Kreisel befindet: Sie war gerade mit ihrer Mutter beim Bäcker gewesen, als der Zug der Häftlinge an ihnen vorüberkam. Einer sah die Brötchen im Einkaufsnetz der Mutter. Er sei zu ihr gekommen und habe gesagt: „Frau, Frau!“ „Ich höre noch die Stimme – das war keine menschliche Stimme mehr, das war reine Verzweiflung“, erinnert sich Philipow.

Immer hätten die Aufseher die Häftlinge angetrieben, für deren Vorwärtskommen Philipow nach Worten sucht. „Gelaufen“ seien sie nicht mehr. Wer hinfiel, weil er nicht mehr konnte, den stieß der Kapo mit dem Fuß, bis er wieder aufstand. Reagierte der Gestürzte nicht mehr, mussten zwei Mithäftlinge ihn auf einen Karren werfen. „Dieses Geräusch, mit dem der Kopf auf dem Holz aufgeschlagen ist, treibt mir heute noch die Tränen in die Augen“, sagt sie. Ihr sei deutlich geworden, was für ein großes Verbrechen da geschehe. Deshalb sei es ihr ein Anliegen, sich besonders bei jungen Menschen dafür einzusetzen, dass die Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten, damit „solche Dinge nie mehr geschehen“.

Köpfe schlugen auf

Auch Dieter Rosenbauer beobachtete als Siebenjähriger mit seinem Bruder die von Happurg kommenden, von SS-Wachmännern begleiteten Häftlinge: „Die letzten der Kolonne haben zwei KZ-Häftlinge an den Füßen hinter sich hergeschleift. Deren kahlgeschorene Schädel sind auf dem Katzenkopfpflaster von einem Stein auf den anderen gehüpft“, erzählt er. Als er zu Hause seiner Mutter davon berichtete, habe sie gesagt: „Wenn wir für das, was wir da getan haben, einmal büßen müssen, dann geht es uns ganz, ganz schlecht.“

Als Kind wohnte der ehemalige Forstamtsdirektor oberhalb des Lagers. „Von unserem Haus konnten wir in das KZ schauen“, erzählt er. Während die Eltern davon ausgingen, dass die Kinder auf dem Dachboden spielen würden, seien sie durch eine Luke aufs Hausdach geklettert und hätten mit dem Fernglas in das Lager gesehen, wo „im Karree etliche hundert KZ-Häftlinge“ stundenlang stehen mussten. „Wir haben uns immer gewundert: Warum fällt jetzt plötzlich einer um?“ Als die Mutter erfuhr, was die Kinder dort oben machten, verbot sie es sofort.

An Sonntagen seien manchmal Häftlinge zum Arbeiten an Privatpersonen vergeben worden, erzählt Rosenbauer. Auch im Garten der Familie arbeiteten einmal Gefangene. Nicht die Wachmannschaft, sondern auch die Häftlinge versorgte der Vater dabei mit Essen. Als der Vater von einem SS-Mann zur Rede gestellt wurde, habe er erwidert: „Wer bei mir arbeitet, bekommt auch zu essen.“ Das blieb nicht ohne Folgen – am nächsten Tag versetzte der Anruf des Lagerkommandanten die Familie in Angst: „Wenn das noch einmal passiert, haben wir für Sie noch einen Platz im Lager frei.“ Verborgen blieben die Häftlinge in Hersbruck also nicht – aber wer versuchte zu helfen, musste um sein eigenes Leben fürchten.

„Zu Hause Tabuthema“

1943 in Hersbruck geboren, hat der frühere bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein keine eigenen Erinnerungen an das Lager. Jedoch war für ihn nach Kriegsende offensichtlich, dass das KZ etwas war, „worüber man zu Hause nicht redet“. Als Grundschüler in Hersbruck habe er zwar etwas über die Kelten auf der Houbirg gelernt, vom Lager habe er dagegen erst viel später gehört. Der Hersbrucker Ehrenbürger stellt aber auch klar, dass diese „Tabuisierung des Geländes“, als die Thomas Muggenthaler das Schweigen bezeichnet, auch in anderen Städten stattfand. „Mir ist aufgefallen, dass es ein Thema war, bei dem man bewusst um den heißen Brei herumgeredet hat“, sagt Beckstein. Bis in die 80er und 90er Jahre hätten die Menschen das Geschehen verdrängt, statt es aufzuarbeiten. Zum ersten Mal von Flossenbürg gehört habe er in den 70er Jahren bei Aufenthalten in Israel in der Gedenkstätte Yad Vashem.

Irmingard Philipow sagt deshalb auch, es habe sie „gefreut“, dass Gerd Vanselow Anfang der 80er Jahre das Thema KZ in Hersbruck so angepackt habe, als er seine Facharbeit darüber schrieb, die damals hohe Wellen schlug. „Eine Generation lang wurde geschwiegen. Die Menschen mussten erst einmal damit klarkommen, dass sie eine Ideologie, die sie anerkannt hatten, jetzt verdammen sollten“, meint Philipow, ohne das Schweigen verteidigen zu wollen.

„Scham und Sorge“

Auch Rosenbauer, von 1984 bis 1990 Mitglied im Stadtrat, kann für diesen Zeitraum sagen, dass über das Thema KZ „nie gesprochen“ worden sei, aus Scham, aber auch aus der Sorge heraus, Hersbruck in ein schlechtes Licht zu setzen. Geändert habe sich das jedoch mit Bürgermeister Wolfgang Plattmeier.

Etliche Beiträge aus den gut gefüllten Reihen der Zuschauer zeigen, wie wichtig ihnen ist, dass das Schweigen ein für allemal ein Ende hat. Ein Zeitzeuge erinnert daran, wie viel es wert sei, seine Meinung frei äußern zu dürfen. Kurz klingt die – nicht neue – Diskussion über die tatsächliche Zahl derer, die im KZ Hersbruck starben, an. Muggenthaler hält jedoch das Entscheidende fest: „Jeder Tote ist zu viel.“ Deshalb müsse das Erinnern weitergehen, sagt Philipow: „Es ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Erziehung zur Menschlichkeit.“

Tabea Gawor

N-Land Hersbrucker Zeitung
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