Sperrzeit: Jugend rebelliert im Netz

Wenn der Stadtrat dafür stimmt, müssen Roland Winkler und die anderen Hersbrucker Wirte ihre Kneipe künftig schon um 3 Uhr absperren
Wenn der Stadtrat dafür stimmt, müssen Roland Winkler und die anderen Hersbrucker Wirte ihre Kneipe künftig schon um 3 Uhr absperren2012/05/5_2_1_2_20120509_NETZ.jpg

HERSBRUCK – Die Hersbrucker Jugend ist empört: In der Stadt könnte in Zukunft schon um 3 Uhr Schluss in den Kneipen sein. Wenn der Gesamtstadtrat nächste Woche wie der Hauptverwaltungsaussschuss am vergangenen Donnerstag entscheidet, ist die Sperrzeitverlängerung zum Schutz der Anwohner beschlossene Sache (wir berichteten). Die Nachtschwärmer protestieren im Internet, einige Wirte fühlen sich übergangen.

„Wenn ich s mir überlege, hat alles mit der Diskussion um die Sperrzeit für das Altstadtfest angefangen“, sagt Boulevard-Chefin Dominika Lis. Ihrer Meinung nach ist eine Verlängerung der Sperrzeit auf 3 Uhr nicht gerechtfertigt. „Sind Lärmbelästigung und Zerstörungswut in Hersbruck wirklich so groß, dass wir sowas brauchen?“, fragt sie sich.

Lis glaubt, dass den Wirten in Hersbruck mit Türstehern geholfen wäre:„Ich denke, wenn es mehr von ihnen gäbe, würde das die Probleme in Hersbruck eindämmen.“ Sie habe nur gute Erfahrungen mit den Securities gemacht, seitdem sei es vor ihrer Bar ruhiger geworden, so die Boulevard-Chefin.

Seit einiger Zeit hat sie vor allem freitags, wenn besonders viel los ist, Türsteher vor ihrem Laden stehen. „Das hat wirklich viele Vorteile“, findet sie: Die Gäste fühlen sich sicher, die Männer achten darauf, dass sich keine Minderjährigen im Lokal aufhalten und dass es davor nicht zu laut wird. „Es kann aber nicht sein, dass ich ein Heidengeld für die Türsteher bezahle und jetzt an meinem Hauptumsatz-Tag früher zusperren muss“, moniert sie das Vorhaben des Stadtrats.

Die Jugendlichen haben sich mittlerweile virtuell im sozialen Netzwerk Facebook versammelt und diskutieren über die Möglichkeiten, eine längere Sperrzeit zu verhindern. Schon nach wenigen Tagen hat die Facebook-Gruppe „Gegen 3 Uhr Sperrzeit in Hersbruck“ über 3000 Mitglieder. Viele von ihnen glauben, dass ein früherer Kneipenschluss nicht die Lösung für das Vandalismus- und Ruhestörungs-Problem ist. „Im Gegenteil: ist den Jugendlichen nicht die Möglichkeit gegeben, wegzugehen, halten sie sich vielleicht erst recht auf den Straßen auf und feiern dort ihre Party“, glaubt Theresa Ohlwärther aus Happurg.

Dass das Boulevard in dieser Hinsicht mit gutem Beispiel vorangeht, findet auch Bürgerbüro-Leiter Christof Rothkegel: „Früher gab es im Bereich am Nürnberger Tor deutlich mehr Beschwerden, das hat sich mit den Türstehern verbessert.“ Trotzdem könne die Stadt aber die Hersbrucker Gaststätten nicht dazu zwingen, Security-Angestellte vor jede Tür zu stellen. Holzwurm-Chef Roland Winkler fragt sich, ob damit das Problem gelöst wäre: „Was kann ein Wirt dagegen tun, wenn die Leute zwei Straßen weiter herumgrölen?“

Ihm selbst gehe es auch nicht darum, zwei Stunden früher zusperren zu müssen. „Aber meine Gäste werden sich, wenn sie wissen, dass um 3 Schluss ist, schon überlegen, ob sie dann nicht gleich nach Nürnberg fahren“, vermutet er. Auch die Jugendlichen fürchten, dass mit der Sperrzeit im beschaulichen Hersbruck in Zukunft noch weniger los sein könnte: „Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass der Hersbrucker Nachwuchs schon jetzt dazu neigt, eher nach Nürnberg zu gehen“, sagt Philemon Wrensch aus Henfenfeld. „Wer geht schon in eine Hersbrucker Kneipe, um sich dann um 3 Uhr die Frage zu stellen, und wo gehen wir jetzt hin?“ Philip Kellner aus Hersbruck macht sich Sorgen um die wirtschaftliche Lage der Wirte: „Man sollte auch an die Kneipenbesitzer denken, denen einfach zwei volle Stunden geraubt werden, um ihr Geld zu verdienen“, meint er und findet auch, dass nachts die Polizei in der Innenstadt mehr Präsenz zeigen könnte.

Der stellvertretende Polizeiinspektions-Leiter Klaus Bald hält die Kontrollgänge der Beamten hingegen für ausreichend: „Natürlich gibt es Anwohnerbeschwerden und aggressives Verhalten, auch gegenüber der Polizei, die Randalierer sind aber nur einige wenige.“ Dass die Polizei zuletzt trotzdem die Sperrzeitverlängerung befürwortet hat, kann Rothkegel verstehen: „Die Beamten kommen schließlich direkt mit der Problematik in Berührung“. Für Bald stellt sich die Frage, ob die Wirte zwischen 3 und 5 Uhr überhaupt noch ein Geschäft machen.

„Und ob“, sagt Dominika Lis. Im Boulevard sei es freitags um 3 Uhr erst richtig voll. „Der Tote-Hund“-Inhaber Andy Roller ist anderer Meinung: „Finanziell ist die Zeit nach 3 Uhr für mich eher uninteressant“, sagt er. Er ist aber überzeugt, dass Randale auch mit der Sperrzeit nicht verhindert werden können. „Vandalismus passiert auch schon um 12 Uhr nachts, ab 3 ist doch auf den Straßen meist nichts mehr los.“

Kommt die Sperrzeitverlängerung, könnten einzelne Betriebe, wenn der Anwohnerschutz gewährleistet bleibt, eine Ausnahmegenehmigung für eine Verkürzung der Sperrzeit beantragen. Am kommenden Montag soll ein Treffen zwischen Hersbrucks Wirten, Bürgermeister Robert Ilg und dem Stadtrat stattfinden, bevor der am Dienstag endgültig über die Sperrzeitverlängerung entscheidet.

N-Land Melanie Strauß
Melanie Strauß