Interview zur angekündigten Krankenhaus-Schließung

„Notarztversorgung ist das Wichtigste“

2021/2022 will das Klinikum das Hersbrucker Krankenhaus schließen. | Foto: Michael Scholz2017/03/KH-II.jpg

HERSBRUCK – Ein Weiterbetrieb des Hersbrucker Krankenhauses über 2021/2022 wäre für das Klinikum Nürnberg unwirtschaftlich, hieß es beim Pressegespräch, in dem die Klinikleitung das Aus „in vier, fünf Jahren“ ankündigte. Als Begründung nannte Vorstand Dr. Alfred Estelmann Vorgaben der deutschen Gesundheitspolitik. Das wirft Fragen auf, die die Hersbrucker Zeitung der heimischen Bundestagsabgeordnete Marlene Mortler (CSU) stellte.

Das Klinikum begründet seinen Plan, das Hersbrucker Krankenhaus zu schließen, letztlich mit den Vorgaben der Bundesgesundheitspolitik. Kurz gesagt: Konzentrationsprozesse und medizinische Spezialisierungen seien nötig, um Kosten zu sparen. Zugleich hört der Bürger, der Bund habe in seinem Haushalt satte Milliarden-Überschüsse. Wie passt das zusammen?

Marlene Mortler: Es geht nicht nur darum, Kosten zu sparen. Es ist komplexer. Der technische Fortschritt schreitet schnell voran. Die Überlegung ist deshalb immer: Wie kann ich den aktuellen medizinischen Stand möglichst allen Patienten zukommen lassen? Dabei darf sich nicht die Frage stellen, ob das Krankenhaus fünf oder zehn Kilometer entfernt liegt. Entscheidend ist, dass Mehrfachstrukturen nicht zeitgemäß sind. Sie verhindern einen gesunden Wettbewerb zwischen den Krankenhäusern und damit moderne Strukturen und die beste Qualität für die Patienten. Dennoch darf eine Zentralisierung nicht einer wohnortnahen Versorgung widersprechen.

Und was antworten Sie Bürgern oder Bürgermeistern, die sagen, im Bund ist das Geld da, aber das Land wird ausgedünnt.

Mortler: Der Bund gibt nur die gesetzlichen Rahmenbedingungen vor. Der Bundestag hat aber beschlossen, dass der Bund die Länder mit 500 Millionen Euro aus dem Strukturfonds einmalig unterstützt, damit sie ihre Krankenhäuser optimieren können. Mit dem Krankenhausstrukturgesetz im letzten Jahr ist die Qualität als wichtiges Planungskriterium dazugekommen. Die Maßstäbe liefert der gemeinsame Bundesausschuss aus Ärzten sowie Vertretern von Krankenhäusern und -kassen. Die Bundesländer ermitteln mit diesen Vorgaben ihren Bedarf für eine leistungsfähige Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Bis 2006 hatte der Kreistag Nürnberger Land die Verantwortung für unsere Krankenhäuser. Seitdem liegt sie unmittelbar in der Hand der Unternehmensleitung des Klinikums Nürnberg. Wenn wir es im Landkreis Nürnberger Land schaffen, 300 Betten dauerhaft in der Fläche zu halten, dann ist das ein Erfolg. Das muss unser Ziel sein. Es sind ja nicht 60 bis 100 Kilometer bis zum nächsten Krankenhaus wie in Schweden. Dort gibt es nur rund drei Betten pro 1000 Einwohner. In Deutschland sind es derzeit über acht. Wir reden von der Strecke Hersbruck – Lauf.

Bundestagsabgeordnete Marlene Mortler (CSU). | Foto: Elaine Schmidt2017/03/Mortler.jpg


Von Treuf, Kucha, Hartmannshof, Alfeld und Hartenstein ist es weiter.

Mortler: Entscheidend ist, dass die Notfallversorgung jederzeit lückenlos ist. Das ist doch mal das erste. Das wird auch Thema beim Runden Tisch im März sein, bei dem wir mit allen Beteiligten über die Zukunft der medizinischen Versorgung im Landkreis sprechen werden. Das ist nur deshalb möglich, weil die zuständige Geschäftsführung sehr mutig und früh ihre Überlegungen bekannt gab. Dennoch war die Nachricht überraschend, weil sich vieles gut entwickelt hat. Denken Sie nur an die Ausgangssituation und das große Defizit für den Landkreis vor der Übernahme durch das Klinikum. Es galt damals nicht als selbstverständlich, dass Hersbruck so lange besteht. Für mich ist es auch ganz wichtig, dass es keine Kündigungen gibt und dass keine Betten wegfallen, so wie derzeit geplant.

Ein Krankenhaus ist auch ein wichtiger Standort-Faktor für eine Stadt und Region.

Mortler: Dazu zählt ein Krankenhaus genauso wie eine Schule, keine Frage, aber auch Ärzte und die Notfallversorgung. Deshalb sucht der Runde Tisch mit allen Beteiligten nach den bestmöglichen Lösungen für den Standort.

Es gibt eine allgemeine Tendenz zu Zentralisierungen. Aber steht Ihre Partei nicht eigentlich für eine Stärkung des ländlichen Raums?

Mortler: Die CSU steht ohne Wenn und Aber für starke ländliche Räume ein. Das haben unsere Beschlüsse in Seeon zum Beispiel zur Einführung einer Landarztquote gezeigt. Allerdings weiß jeder, dass im ländlichen Raum nicht die Struktur wie im Ballungsgebiet vorgehalten werden kann. Es geht hier mehr um Haus- und um Fachärzte. Ärzte wollen oft dort praktizieren, wo mehr Menschen leben, auch mehr Privatpatienten. Hier hat Bayern früh reagiert mit Stipendien für Medizinstudenten. Sie verpflichten sich nach dem Studium fünf Jahre auf dem Land zu praktizieren und erhalten dafür eine finanzielle Unterstützung. Unter dem Strich kann man dennoch sagen, dass die ärztliche Versorgung auf dem Land gut ist, vor allem in unserem Landkreis.

Sie haben am Anfang des Gesprächs vom Fortschritt und höherer Qualität gesprochen. Warum ist das wichtiger als eine Versorgung direkt am Wohnort?

Mortler: Nicht jede Gemeinde hat ja ein eigenes Krankenhaus, aber in der Regel mit Haus- und Fachärzten eine direkte Versorgung am Wohnort. Das und die Erstversorgung im Notfall müssen gewährleistet sein. Und dann — seien Sie mal ehrlich — fährt der Rettungswagen jetzt doch meistens nicht nach Hersbruck, sondern direkt nach Nürnberg. Im Übrigen haben die Patienten selbst immer höhere Anforderungen an die Qualität. Ich stelle keinesfalls die gute Arbeit in Hersbruck in Frage, aber es geht um die zukunftsfeste Ausrichtung. Was für ein kleines Krankenhaus eine große Herausforderung ist, ist für ein großes Krankenhaus eine kleine, nämlich Schritt zu halten mit der Entwicklung.

N-Land Michael Scholz
Michael Scholz