Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus

Hersbruck ist Teil der Erinnerungskultur

Landtagspräsidentin Barbara Stamm hielt in der Geru-Halle die Gedenkrede an die Opfer der Nationalsozialisten. Foto: privat
Landtagspräsidentin Barbara Stamm hielt in der Geru-Halle die Gedenkrede an die Opfer der Nationalsozialisten. Foto: privat2016/01/6967353.jpg

HERSBRUCK – Der 25. Januar 2016 wird für Hersbruck ein ganz besonderer Tag bleiben. Denn es ist das Datum, an dem sich die Stadt offen zu dem abscheulichsten Verbrechen ihrer Geschichte bekannt hat – durch die Eröffnung des Dokumentationsortes zum ehemaligen KZ-Außenlager und durch die gestrige TV-Live-Übertragung der offiziellen bayerischen Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus. Damit gehört sie nun zu den Kommunen, die aus den dunkelsten Kapiteln ihrer Vergangenheit lernen und dieses Wissen teilen wollen. Es war ein berührender Akt.

Viele prominente Gäste kamen zu der Gedenkveranstaltung des Landtags und der Stiftung Bayerische Gedenkstätten in die noch nicht einmal eingeweihte Geru-Halle. Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, war ebenso da wie beispielsweise Hersbrucks Ehrenbürger, der frühere Ministerpräsident Günther Beckstein, oder auch der frühere Bundesbauminister Oscar Schneider.

Sie alle erlebten eine perfekte Darbietung, die unter die Haut ging. Das hatte mit den Reden zu tun, allen voran der des 97-jährigen KZ-Überlebenden Vittore Bocchetta, und auch mit den stimmigen Darbietungen der Hersbrucker Schulen.

Zu Beginn ließ der BR als Zeitzeugin die frühere Grundschulrektorin Irmingard Philipow zu Wort kommen. Als kleines Mädchen hatte sie die Zwangsarbeiter in erbärmlichem Zustand vom Lager Richtung Happurg ziehen sehen. Sie erzählte: „Als einer hingefallen ist, hat der Kapo mit dem Stiefel nach ihm gestoßen. Als er nicht aufgestanden ist, haben sie ihn auf den mitfahrenden Wagen geworfen, dass ich den Kopf habe aufschlagen hören.“ Darum ging es beim Gedenken. Das Unbeschreibliche spürbar machen.

Jeder, der damals sehen wollte, konnte sehen. Diese Feststellung schickte der BR der Veranstaltung voraus. Hersbrucks Bürgermeister Robert Ilg ging darauf ein, auf die „Zeit des Verdrängens“ direkt nach dem Krieg, „die sicher auch ihre Berechtigung hatte“. Aber ein Vergessen dürfe es niemals geben. Er sei dankbar, dass die Gedenkorte nun eröffnet wurden, um daran zu erinnern, dass „hier Menschen wie ein Stück Ware behandelt wurden, über die man meinte, nach Gutdünken entscheiden zu dürfen“.

Landtagspräsidentin Barbara Stamm fragte, ob es denn überhaupt möglich sei, das, was Menschen in einem Lager wie in Hersbruck erlitten haben, anderen zu vermitteln. Als Antwort zitierte sie Jack Terry, einen überlebenden Häftling des KZ Flossenbürg, zu dem Hersbruck gehörte: „Vermittelbar ist das, was wir aus unseren Erfahrungen geschlussfolgert haben: wie kostbar die Freiheit ist.“

Gerade in schwierigen Zeiten wie im Moment sei es wichtig, sich daran zu erinnern, wie wertvoll die Errungenschaft eines brüderlichen Europas, von Rechtsstaatlichkeit und der Bewahrung der Würde jedes einzelnen Menschen als höchstes Gut sei.
Wie dies am besten zu schützen ist, sagte als Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten Karl Freller: mit einer funktionierenden, wehrhaften Demokratie und aufgeklärten Bürgern. Bildung sei wichtig, „Lernorte wie nun in Hersbruck und Happurg tragen dazu bei“. Er bedankte sich ausdrücklich bei „allen, die das Gedenken an die Opfer des NS-Regimes über all die Jahre und Jahrzehnte, zumeist im Ehrenamt und oft gegen Widerstände aufrecht erhalten haben, hier am Ort besonders der Verein Dokustätte KZ Hersbruck“. Entscheidend sei bei dieser Arbeit, „die Lücken zu füllen, die diese Opfer der Nationalsozialisten hinterlassen haben“.

Darum geht es an den Dokumentationsorten und in Zeitzeugenerinnerungen: begreifbar zu machen, dass Menschen wie du und ich aus einem Wahn heraus unfassbare Gewalt erlebt haben. Vittore Bocchetta gelang dies in kurzen, präzisen Worten ebenso wie der Geschichtswerkstatt des Gymnasiums in einer Performance und eingangs Irmingard Philipow.

N-Land Michael Scholz
Michael Scholz
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