Eltern zum Umdenken bewegen

Realschule: Eine extrem zukunftsfähige Schulart

Über Schulpolitik und Fachkräftemangel diskutierten (v.l.) Stellvertretende Landrätin Cornelia Trinkl, der Vorsitzende des Bayerischen und Deutschen Realschullehrerverbandes Jürgen Böhm, MdL Norbert Dünkel, Moderator Erwin Germann, der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Mittelfranken, Prof. Dr. Elmar Forster, MdL Angelika Weikert und der Geschäftsführer des Verbandes der Bayerischen Wirtschaft Mittelfranken, Marc Hilgenfeld.
Über Schulpolitik und Fachkräftemangel diskutierten (v.l.) Stellvertretende Landrätin Cornelia Trinkl, der Vorsitzende des Bayerischen und Deutschen Realschullehrerverbandes Jürgen Böhm, MdL Norbert Dünkel, Moderator Erwin Germann, der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Mittelfranken, Prof. Dr. Elmar Forster, MdL Angelika Weikert und der Geschäftsführer des Verbandes der Bayerischen Wirtschaft Mittelfranken, Marc Hilgenfeld. | Foto: Lorenz Märtl2016/03/db-podiumsdiskussionrealschule.jpg

FEUCHT – „Schulpolitik und Fachkräftemangel“ – ein spannendes Thema, zu dem ein hochkarätiges Podium auf Einladung der Staatlichen Realschule Feucht und des Vereins „Freunde der Realschule“ diskutierte. Leider ließ die Resonanz zu wünschen übrig, obwohl man seitens der Veranstalter eifrig in den Kreisen der unmittelbar Betroffenen geworben hatte. „Ich hoffe, dass die Informationen dieser guten und sachlichen Diskussion, die größeres Interesse verdient gehabt hätte, in die richtigen Kanäle kommen“, befand dennoch abschließend Schulleiter Günther Sperber.

 Firmen und Unternehmen klagen landauf, landab über Fachkräftmangel und suchen händeringend nach Auzubildenden. Auf der anderen Seite greift der „Akademisierungswahn“ immer stärker um sich. Und auch unter den Realschulabsolventen entscheiden sich immer mehr nach dem Schulabschluss nicht für eine Lehre sondern wechseln auf die Fachoberschule. Mehr als 50 Prozent, wie Realschulkonrektor Christian Schütz einleitend feststellte.

Dabei sind die Chancen „Karriere mit Lehre“ zu machen, nie so groß wie aktuell.

Marc Hilgenfeld, Geschäftsführer des Verbands der Bayerischen Wirtschaft in Mittelfranken, und Prof. Dr. Elmar Forster, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Nürnberg, belegten dies mit Zahlen.

1000 offene Lehrstellen

2020 werden allein in den Bayerischen Betrieben 230.000 Fachkräfte fehlen. In den Handwerksbetrieben Mittelfrankens gibt es schon jetzt 1000 offene Lehrstellen, die nicht besetzt werden können. Und es gibt viele Akademiker, die nach ihrem Abschluss auf der Straße stehen und keinen Job finden.

Für Forster der klare Beweis, dass man als Handwerker, beispielsweise mit einem Realschulabschluss, mit einer vernünftigen beruflichen Ausbildung auch in Zeiten der Digitalisierung ein gutes Auskommem hat. Eine weitere Chance sieht er darin, dass von den 23.000 Betrieben in Mittelfranken rund 2000 in den nächsten Jahren einen Übernehmer suchen. Beide waren sich einig, dass der Realschule eine wichtige Bedeutung zukommt.

Die Landtagsabgeordnete Angelika Weikert (SPD) stellte fest, dass Schulpolitik so gestaltet sein muss, „das keiner verlorengehen darf“. Und gerade Realschülern würden sich heute große Chancen auftun. Die Politik müsse die entsprechenden Signale aussenden und die Rahmenbedingungen setzen.

Duale Ausbildung gelobt

Ihr Kollege von der CSU, Norbert Dünkel, lobte das hohe Niveau des dualen Ausbildungssystems, für das sich immer mehr andere Länder interessieren. Wichtig sei für die jungen Menschen ein Beruf, der alle Möglichkeiten offen halte. Er erinnerte an die Ausbildungsplatzbörse im Nürnberger Land, die eine gute und breit gefächerte Orientierung biete.

Stellvertretende Landrätin Cornelia Trinkl verweis auf die Bemühungen des Landkreises als Sachaufwandsträger der Schulen, die Bildungspolitik zu vernetzen, um so die besten Rahmenbedingungen zu schaffen.

Jürgen Böhm, Vorsitzender des Bayerischen und des Deutschen Realschullehrerverbandes, ließ keinen Zweifel daran, dass gerade die Realschule unendliche Möglichkeiten für eine berufliche Karriere ermöglicht. Er redete aber auch den Eltern ins Gewissen, wenn es um die Entscheidung Realschule oder Gymnasium geht: Wo ist ein Kind glücklich, wo kommen die Talente am besten zum Tragen. Für ihn sind Realschüler die Fachkräfte der Zukunft, was er auch durch eine Forsa-Umfrage bestätigt sieht.

Hohe Durchlässigkeit

Hauptgeschäftsführer Dr. Forster von der Handwerkskammer lobte die Durchlässigkeit der beruflichen Bildung. Auch ein Realschüler, der einen Beruf erlernt habe, könne später noch studieren: „Berufliche Bildung ist keine Einbahnstraße.“ Und er machte deutlich, „dass im Handwerk jeder Schulabgänger willkommen ist“.

Einig war man sich auf dem Podium, dass die duale Ausbildung der beste Garant dafür ist, Jugendarbeitslosigkeit zu verhindern.

Ein wichtiger Aspekt in der Diskussion war das Thema Berufsorienterung. Für Jürgen Böhm beginnt sie in der Realschule von Anfang an. Die Erfahrungen zeigen, dass die Verbindungen zwischen Wirtschaft, Ausbildungsbetrieben und Realschulen sehr gut sind und Berufaspraktika hervorragend laufen. „Wir sind quasi die Erfolgsgaranten.“

Norbert Dünkel fügte an, dass man damit die jungen Menschen überzeugen könne, einen Beruf zu ergreifen, der ihren Neigungen entspricht. Fakt für ihn, „dass an der Berufsorentierung kein Weg vorbei führt“.

Böhm verdeutlichte auch, dass es gemeinsam gelingen müsse, die duale Ausbildung über die Realschule wieder mehr in die Köpfe der Gesellschaft zu bekommen. Schule bedeute nicht nur Gymnasium.

Initiative Elternstolz

In diesem Zusammenhang verwies MdL Norbert Dünkel auf die Initiative „Elternstolz“ der Staatsregierung, die derzeit mit einer groß angelegten Plakataktion den Stolz der Eltern auf eine gute berufliche Ausbildung ihrer Kinder deutlich macht.

Und wie kann es gelingen, Eltern zum Umdenken zu bewegen?

Cornela Trinkl, selbst Lehrkraft an einer weiterführenden Schule, meint, dass man sich bei der Beurteilung der Neigungen und Begabungen auch auf das Urteilsvermögen der Lehrer verlassen sollte. „Ehrlichkeit der Eltern“ verlangte auch Jürgen Böhm. Kinder sollte man nicht überfordern: „Besser Aufsteiger als Absteiger. Die Durchlässigkeit des Schulsystems war noch nie so hoch.“ Übereinstimmung auch, dass die Wertigkeit der Handwerksberufe wieder mehr ins Bewusstsein gerückt werden muss.

Marc Hilgenfeld brachte es so auf den Punkt: „Nicht jeder Akademiker verdient das große Geld und nicht jeder Handwerker muss kleine Brötchen backen.“

Winkelhaids Bürgermeister Michael Schmidt, der unter den Zuhörern saß, bemängelte, dass die Entscheidung der Schulart so früh fallen muss. Gemeinsames Ziel müsse es sein, dass sich die Wahrnehmung in der Gesellschaft gegenüber der beruflichen Ausbildung insgesamt ändere.

Jürgen Böhm forderte dazu auf, „sich auf das zu besinnen, was gut ist. Die Realschule ist eine extrem zukunftsfähige Schulart, in der alle Weg offen stehen.“

N-Land Lorenz Märtl
Lorenz Märtl