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05.05.10 16:50 Uhr

Bürger bauen Windrad vor eigener Tür

Von: Michael Scholz

Eines von zwei 180 Meter hohen Bürger-Windrädern auf der Hochfläche bei Wilhermsdorf.

WILHERMSDORF / SCHNAITTACH (mz) - In Bullach und Simmelsdorf haben sich – wie berichtet – bereits Bürgerinitiativen gegen die Windradstandorte im Regionalplanentwurf gebildet. Sie fürchten wegen der Geräusche in Wohnortnähe um ihre Gesundheit und wollen das bisherige Landschaftsbild bewahren. Es gibt aber auch andere Sichtweisen. Im Umfeld Wilhermsdorfs (Landkreise Fürth und Neustadt-Bad Windsheim) stehen 27 der alternativen Energieerzeuger, 24 haben Bürger finanziert. Die Freien Wähler Schnaittach besuchten dort einen Investor.

Erich Wust empfängt die Gruppe auf dem 391 Meter hoch gelegenen Plateau an der Straße zwischen Wilhermsdorf und Dürrnbuch. Der 52-Jährige ist Nebenerwerbslandwirt und war lange Bilanzbuchhalter beim Bayerischen Bauernverband (BBV). Das ändert sich gerade. Der Markt Erlbacher verlegt sich derzeit vollständig auf alternative Energien – Photovoltaik und Windkraft.
»Hier sind Millionenprojekte wirtschaftlich kalkulierbar», schwärmt Wust gegenüber der PZ. Denn: Die Einspeisevergütung ist für 20 Jahre garantiert, ebenso die Vollwartung durch den Hersteller.

Die Begeisterung ist dem Investor anzumerken, während er den Freien Wählern aus Schnaittach Projekt und Anlage erklärt. Hier auf der von Wald umgebenen Ackerfläche drehen sich 400 Meter voneinander entfernt zwei Windräder, wie sie laut aktuellen Plänen auch am Hienberg, bei Bullach oder Weigenhofen entstehen könnten: Sie sind 180 Meter hoch, die 41 Meter langen Rotoren eingerechnet.

Die Besucher stehen am 13 Meter breiten Fuß des Masts, besichtigen das wenig spektakuläre Innere des Turms und erfahren dabei, dass die Anlage bei mittleren Windgeschwindigkeiten von 5,9 m/s in ihrem ersten Jahr etwa 4,3 Millionen Kilowattstunden Strom produzierte. Die Rotoren arbeiten für die Rendite der 64 Gesellschafter, Bürger aus der näheren Umgebung, die jeweils mindestens 5000 Euro ihrer Ersparnisse investierten. Eine Anlage kostet 3,25 Millionen Euro.
Die Schnaittacher interessiert zuerst aber, wie laut die Anlagen sind. Einige scherzen über den »Lärm», von dem gerade nichts zu hören ist. Alle paar Minuten ächzt kurz die Hydraulik, die die sich gemächlich drehenden Rotoren optimal in den Wind stellt, für einen besseren Ertrag und weniger Geräusche.

In 50 Meter Entfernung machen sich die Rotoren gelegentlich durch ein leises »Wusch-wusch» bemerkbar. Experten wissen: Bei mancher Windrichtung hört man, wenn die Blätter am oben auf zwei Meter verjüngten Mast vorbeistreichen. Sonst ist es ruhig. Später sagt Wust ohne Umschweife: »Es wäre gelogen, würde ich sagen, ich höre sie nicht.» Er hatte durchaus mit einigem Widerstand von Windkraftgegnern zu kämpfen und wohnt aber selbst nur 700 Meter von einem Windrad entfernt. Sein erstes eigenes Projekt als Investor. Dafür gewann er 27 Bürger, die sich wie der Initiator weniger für die »grüne» Alternativenergie begeisterten als für die sechs bis neun Prozent Rendite über bis zu 30 Jahren. »Wir schämen uns nicht, mit einer ,grünen‘ Idee Geld zu verdienen», sagt Wust in seiner geradlinigen Art über seine Hauptmotivation.

Die Geräusche sind dem Markt Erlbacher Investor und GmbH-Gründer keineswegs egal. Er erzählt, wie er in seinem Heimatdorf einmal mit einem Windradgegner in die Nacht lauschte. »Ja, an bestimmten Tagen kann man es hören», gibt er zu, auch in 1000 Meter Entfernung. Aber wer ehrlich sei, nehme zugleich auch die Straße oder andere Hintergrundgeräusche wahr. Lauter war da schon das Windrad, das jetzt die Freien Wähler inspizierten. Wust erschrak, als er nach dem Start im Januar erstmals davor stand: »Was habe ich da nur angestellt!», dachte er. Doch die Betreiberfirma stellte rasch neu ein und seitdem ist es deutlich ruhiger geworden. »Sie sind bemüht, den von ihnen garantierten Schallleistungspegel einzuhalten», weiß Wust jetzt. Das Gegner-Argument vom unhörbaren, aber krank machenden Infraschall akzeptiert er nicht: »Es gibt keine Beweise dafür.»

Der Standort ist für Wust aber auf jeden Fall ein Thema. 500 Meter Abstand zu Wohn- oder Mischgebieten hält er für zu gering. »Wenn man einen Schweinestall zu nah an Wohnhäuser stellt, dann hat man auch Ärger vom ersten Tag an», sagt er. Das muss nicht sein, deshalb beträgt für ihn der Mindestmaß auf alle Fälle »700 oder 800 Meter». Der Anblick der Masten in der Landschaft stört ihn weniger, »eine gewisse Anzahl Windräder verträgt auch unsere fränkische Kulturlandschaft», meint er.

Der 52-Jährige war der ideale Gesprächspartner für die Freien Wähler, die das hochverschuldete Schnaittach durch erneuerbare Energien voranbringen wollen. FW-Ortsvorsitzender Stephan Tralau berät als Selbstständiger auch Gemeinden, die in Alternativkraftwerke investieren wollen. Aktuell zum Beispiel Offenhausen. Er befragte Wust, wie realistisch so ein Projekt für die Marktgemeinde wäre, und erfuhr dabei unter anderem, dass Wust in seinen bisher fünf Bürgerwindrad-GmbH & Co KGs stets die Hälfte an Eigenkapital aufbringen musste. Was brächten Windräder der Gemeinde an Gewerbesteuer pro Jahr? 15000 Euro.

Über den Widerstand der Gemeinde Wilhermsdorf im Vorfeld kann Wust einiges erzählen. Der Bürgermeister habe versucht, die Vorrangflächen für Windkraft noch aus dem Regionalplan zu bekommen, was aber nicht gelang. Gescheitert ist dies wohl auch an der guten Akzeptanz in der Bevölkerung. Inzwischen sind an Wusts fünf Projekten 495 Gesellschafter beteiligt, wovon ein Drittel mehrfach investierte. Zum Vergleich: Wilhermsdorf hat 5200 Einwohner. Inzwischen verhalte sich das Rathaus kooperativ, die Gegner seien seit Anfang 2009 so gut wie verstummt.




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