Brasilien zu Gast in Franken

KIRCHENSITTENBACH (ebo) - Ein wenig Wärme, aber auch viel Nachdenkliches von der Südhalbkugel wurde den Besuchern des Gemeindeabends „Partnerschaft Brasilien aktuell“ im alten Schulhaus in Kirchensittenbach vermittelt, zu dem der Freundeskreis Brasilien anlässlich des Besuchs von Charles Porsche aus der vielleicht künftigen Partnergemeinde Imigrante eingeladen hatte.
Als Gastrednerin ergriff Pfarrerin Gisela Voltz von der Mission Eine Welt das Mikrofon und referierte zum Thema „Nachwachsende Rohstoffe, Biosprit - Lösung oder Last für Brasilien?“. Voltz legte dar, dass Brasilien ein riesiges Land ist mit einem unermesslichen Reichtum an Natur und Rohstoffen. Dieses Potenzial wissen die Brasilianer zu nutzen und sind daher weltweiter Vorreiter bei erneuerbaren Energien. Eine große Rolle spielt dabei das aus Zuckerrohr gewonnene Bioethanol. Über 50 Prozent des Bioethanols weltweit kommt aus Brasilien.
Biosprit ist Normalität
Während hierzulande noch große Bedenken gegen Biosprit (E10) bestehen, fahren brasilianische Autos schon längst mit 25 Prozent Bioethanol. Die Regierung fördert den Anbau von Zuckerrohr bereits seit den 1970er Jahren. Derzeit wird Zuckerrohr auf etwa 8,14 Millionen Hektar von etwa 62 Millionen Hektar angebaut. Agrarexperten meinen, dass eine Ausdehnung der landwirtschaftlichen Nutzfläche auf 152 Hektar und von Zuckerrohr auf 30 Millionen Hektar möglich sei.
Umweltschützer prangern immer wieder an, dass dieses Wachstum zu Lasten des Regenwalds in Amazonien gehe. Bioethanol-Befürworter argumentieren hingegen, dass der Zuckerrohranbau weit weg vom Urwald stattfinde, was Voltz anhand einer Karte verdeutlichte. Aber es findet eine Art Verdrängungswettbewerb statt. Durch die Ausweitung des Zuckerrohranbaus werden die Anbauflächen für andere Produkte wie Soja und Eukalyptus und vor allen Dingen die Viehwirtschaft weiter Richtung Amazonien verdrängt. Experten rechnen, dass bis zum Jahr 2020 etwa sechs Millionen Hektar Urwald der Rodung zum Opfer fallen werden.
Und nicht nur das: Durch das Wachstumsbestreben der wenigen Großgrundbesitzer werden immer mehr Kleinbauern und auch Ureinwohner verdrängt, führte Gisela Voltz weiter aus. Auf den Zuckerrohrplantagen herrschen teilweise sklavenartige Arbeitsverhältnisse. Riesige Monokulturen und ein daraus resultierender hoher Herbizideinsatz sind an der Tagesordnung.
„In welche Richtung soll es weitergehen, das ist die Frage, die sich Brasilien stellen muss?“, lautete das Fazit der Referentin. „Wachstum um jeden Preis und auf wessen Kosten?“. Wenn nur 20 Prozent des weltweiten Ölbedarfs durch nachwachsende Rohstoffe gedeckt werden sollen, wären zwei Drittel der weltweiten Ackerflächen nötig, die jedoch auch dringend für den Anbau von Nahrungsmitteln gebraucht werden.
Lösungsansätze sieht Voltz nur durch Energiesparen und weniger Autofahren. In Brasilien gebe es außerdem noch viel Ausbaupotenzial bei der Wind-, Wasser- und Sonnenenergie.
Der brasilianische Gast Charles Porsche, der Schulamtsleiter von Imigrante, stellte im nächsten Vortrag anhand von Lichtbildern seine 3100 Einwohner starke Gemeinde im Süden Brasiliens vor, die ein bekanntes Kloster und eine riesige Kakteenzucht beherbergt. Tradition wird in der deutsch- und italienischstämmigen Gemeinde groß geschrieben. So gibt es sieben Chöre, eine Big Band, verschiedene Tanzgruppen, die in Trachten auftreten, überregional bekannte Passionsspiele und ein Weihnachtsspiel im Freien, zu dem Tausende von Besuchern strömen.
Gleiche Schule für alle
Weiter erzählte Porsche vom brasilianischen Schulsystem, das in staatliche, städtische und Privatschulen untergliedert ist. In den Kindergarten gehen die Kleinen bis zum Alter von fünf Jahren. Dann folgen 13 Jahre Schule, die für alle gleich sind. Zirka 50 Prozent der Absolventen besuchen danach eine Hochschule. Der Rest wechselt direkt über in einen Beruf. Eine Lehre wie bei uns im dualen Ausbildungssystem gibt es nicht. Das Ganze laufe mehr über Praktika oder Fachschulen ab, machte Porsche deutlich.
Musik nimmt an den Schulen in Imigrante einen hohen Stellenwert ein und eine Kostprobe durften die Besucher des Brasilienabends hautnah miterleben. Ob Samba oder Bossa Nova, Charles Porsche brachte auf seiner Gitarre die heißen lateinamerikanischen Rhythmen und den Stolz der Brasilianer über ihr eigenes Land rüber und spätestens beim gemeinsam auf Portugiesisch gesungenen „Girl from Ipanema“ war das Eis auch beim Publikum gebrochen.
Kulinarische Urlaubsreise
Leckere wohlklingende Köstlichkeiten wie „Bolinhos de Arroz“ oder „Esfihas de Carne“, die von Mitgliedern des Freundeskreises Brasilien vorbereitet wurden, weckten in so manchem Gast den Wunsch, zu den Gauchos nach Brasilien fliegen zu wollen und die Partnerschaft mit Imigrante weiter zu festigen.



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