Schütz stürzt vom Sockel
SCHNAITTACH – Der Martin-Schütz-Ring in Schnaittach wird umbenannt. Während der NS-Zeit war Schütz als Judenhetzer hervor getreten, das ergaben nun Recherchen zur 1000-Jahr-Feier.


SCHNAITTACH — Die Nachforschungen zur Schnaittacher Tausendjahrfeier bringen auch Unerfreuliches zutage: Die Marktgemeinde muss eine Straße umbenennen, da sich der für Schnaittach verdienstvolle Heimatforscher Martin Schütz (1900-1958) während der Nazi-Diktatur andernorts als Judenhetzer hervortat. Am Donnerstag stimmt der Marktrat über die Namensänderung ab.
Bei ihren Recherchen für die Schnaittacher Chronik, die 2011 erscheint, überprüften die Historiker Ina Schönwald und Martin Schieber einige für die Gemeinde bedeutende Persönlichkeiten. Martin Schütz, der –in Fürth geboren, in Schwabach gestorben – kein Schnaittacher war, galt bislang einzig als der Autor der bis heute gründlichsten Arbeit über die Festung am Rothenberg. Sein Hauptwerk ist seine an der Uni Erlangen eingereichte Dissertation „Die Gan-erbenschaft vom Rothenberg in ihrer politischen, wirtschaftlichen und juristischen Bedeutung“, die 1924 erschien.
„Dies und auch seine Arbeiten über Pfarreien und Kirchen des Rothenberger Landes haben die Heimatgeschichte rund um Schnaittach weit vorangebracht“, sagt Schieber. Die Verdienste des Lehrers als Historiker seien unbestreitbar.
Wie er nach Schnaittach kam, ist ungeklärt, allerdings ist bekannt, dass er seit den 20er Jahren immer wieder als Organist für die evangelische Kirchengemeinde tätig war. Es ist kein unwichtiges Detail, dass Schütz wohl nie in Schnaittach gelebt hat. Denn dann, so Bürgermeister Georg Brandmüller, hätte der Marktrat ihn 1967 nicht einstimmig durch die Straßenbenennung geehrt. „Jeder hätte seine Vergangenheit gekannt“, meint der Rathauschef und auch ein gestandener Sozialdemokrat wie Brandmüllers eigener Vater, der damals Marktrat war, hätte dem niemals zugestimmt.
Was wussten die Schnaittacher damals und bis vor kurzem nicht über Schütz? Der von 1926 bis 1933 nebenamtliche Stadtarchivar von Rothenburg ob der Tauber veröffentlichte 1938 das 181-seitige Buch „Eine Reichsstadt wehrt sich. Rothenburg ob der Tauber im Kampfe gegen das Judentum“ mit einem Schlusswort von Gauamtsleiter Fritz Fink aus Nürnberg. Der Titel spricht bereits für sich, der Co-Autor, ein Parade-Nazi-Ideologe auch.
Martin Schieber spricht von einer „üblen Hetzschrift“ im Stile des berüchtigten „Stürmers“. Nach Informationen des Rothenburger Stadtarchivs gilt das „Machwerk“ unter Experten eindeutig als antisemitisch und genüge keinerlei wissenschaftlichen Standards. Auch für die Rothenburger Heimatzeitungsbeilage („Linde“) verfasste Schütz von der nationalsozialistischen Rassenideologie durchtränkte Beiträge.
Interessant ist, dass in der Entnazifizierungsakte darüber nichts zu finden ist, wie Schieber herausgefunden hat. Eine Rolle spielt dabei wohl, dass Schütz der Spruchkammer gegenüber als Rufnamen „Heinrich“ angab, „Martin“ nur als Zweitname. So wird er als „nicht mehr als nomineller Teilnehmer“ des Nazismus eingestuft.
Der entscheidende Hinweis für die Schnaittacher Chronik-Rechercheure war eine Veröffentlichung im „Synagogengedenkband Bayern“, dessen zweiter Band im Frühjahr erschienen ist.
In der Marktratsitzung am Donnerstag ab 19.30 Uhr rechnet Bürgermeister Brandmüller mit keiner langen Diskussion darüber, ob diese „Ehrung“ von 1967 korrigiert werden muss. In einem Schreiben teilte der Verwaltungschef den Anwohnern das Problem mit und bat um Verständnis trotz der damit ausgelösten Schwierigkeiten für den Einzelnen, der sämtliche Dokumente ändern muss.
Für den neuen Namen hat das Rathaus einen einfachen, naheliegenden Vorschlag: „Am Buchich“, nach dem Flurnamen. Man sei aber auch neuen Vorschlägen gegenüber aufgeschlossen.



Martin Schütz ( † 1958 in Schwabach), Germanist, Oberstudiendirektor, Wirkungsort Schwabach, hat laut der Dissertation von Sven Thole "Die Festung Rothenberg" sehr viel über den Rothenberg und darüber auch Artikel in "Die Fundgrube" veröffentlicht. Vielleicht erfährt man im Stadtarchiv Lauf ein wenig mehr über diesen Martin Schütz. Wieso soll dieser Martin Schütz nebenamtlicher Stadtarchivar von Rothenburg ob der Tauber gewesen sein?
Ich habe da so meine Zweifel, solange kein lückenloser Lebenslauf vorliegt und die Schulakten nicht eingesehen wurden. Stellt das Foto des Stadtarchivs Rothenburg die gleiche Person dar?
Die andere Frage ist, wie Hetzschriften in jener Zeit entstanden. In einem totalitären System kann sich ein Autor nicht dagegen wehren, wenn seine Arbeit in eine Hetzschrift oder in eine Lobeshymne auf das Regime umfunktioniert wird.
Dies sind nur einmal Fragen, die mir mir durch den Kopf gehen. Aber sie müßten beantwortet werden.
Mit freundlichen Grüßen
Manfred Riebe
Wie wäre eine Umfrage zu M.Schütz unter den Anwohnern oder Schnaittachern vor Veröffentlichung des Artikels ausgegangen? Z.B. eine Umfrage, wer Martin Schütz sei? Ich vermute mal, man hätte, gerade bei den Jüngeren, großes Schulterzucken gesehen, also nicht gewußt, dass es sich dabei um einen Heimatforscher, geschweige denn ehemaligen Hetzer handelt. Dann hätte man alles auf sich beruhen lassen, darüber den Deckmantel des Schweigens breiten (das können ja unsere heutigen System-Politiker hervorragend) und den Anwohnern die unangenehme Umbenennung ersparen können.
Darüberhinaus bin ich der Meinung, dass man die Zeit des Nationalsozialismus insofern auf sich beruhen lassen sollte, dass man nicht mehr die Nachkriegs-Generation mit Dingen aus dem NS konfrontiert, die eine Belastung finanzieller oder zeitlicher Natur darstellen, also wie eine Straßenumbenennung. Nach meiner Einschätzung bewirkt man mittlerweile mit so einer Aktion eher das Gegenteil, auch wenn es in der Öffentlichkeit anders dargestellt wird. Aufklären kann man ja weiterhin. Also einfach mal mehr Gelassenheit an den Tag legen, so wie z.B. die Israelis: Diese benennen in der Wüstenstadt Beer Sheva eine Straße sogar nach Herschel Grynszpan, der den unschuldigen Deutschen "vom Rath" ermordet hat. Wer es nicht glaubt, kann es mit Google Maps überprüfen. Bei soviel"Gelassenheit" (die Person ist ja Teil der Geschichte...) könnte man sich doch in Deutschland auch endlich zurücklehnen und den Straßen die Namen lassen, die sie schon immer hatten.
Nun ja, mit der Veröffentlichung der neuen Erkenntnisse zu M.Schütz ist jetzt aber das Kind in den Brunnen gefallen. Was tun? Aus Erfahrung in der Bekanntschaft (Bischoff Meiser Str, Nürnberg) weiß ich, dass eine Straßenumbenennung einen ziemlichen Aufwand und Probleme nach sich ziehen kann. Deswegen mein Ratschlag im Sinne der Basisdemokratie: Einfach die Anwohner über Aufwand und Probleme einer Umbenennung und den Hintergrund der Umbenennung aufklären, ihnen für den Aufwand, der durch eine evtl. Umbenennung entsteht, großzügige Entschädigung anbieten (z.B. 30€ pro Stunde Aufwand) und dann die Anwohner abstimmen lassen. Die Mehrheit zählt. Falls dagegen entschieden wird, kann man ja am Straßenschild oder daneben eine erklärende Tafel aufstellen, auf der z.B. steht, dass M.Schütz ein "Kind" seiner Zeit war und die Stadt Schnaittach es lange Jahre einfach nicht besser wissen konnte wegen der im Artikel genannten Gründe und man eine Umbenennung mit Rücksichtnahme auf die Anwohner vermieden hat. Auch kann so eine Tafel mehr aufklären und geschichtliches Wissen vermitteln, als die Rasenmähermethode "Umbenennug". Weil mit einer Umbenennug ist nämlich das Thema M.Schütz weg vom Tisch. Auch könnte man sich bei der Stadt Nürnberg erkundigen, wie man vor 25(?) Jahren mit dem Namen der Pausalastraße umgegangen ist, die Straße heißt heute immer noch so. Aber so oder so: in ein paar Jahren ist alles wieder vergessen und keiner weiß mehr, wer oder was Hans Matthias Schülze war. Oder wie war noch gleich der Name?
Wenn sich jemand um Schnaittach verdient gemacht hat,dann wurde er auch wie hier geehrt. Das jemand in der Zeit des Natzionalsozialismus sich antisemitisch oder besser was man heute darunter versteht, geäußert hat ist aus meiner Sicht nachvollziehbar. Es galt und gilt noch immer der Leitsatz:
"Wess Brot ich Ess dess Lied ich Sing" Das galt im Dritten Reich, in der DDR und gilt auch in abgemilderter Form auch in der Bundesrepublik. Das ist auch an diesem Beispiel des vorauseilendem Gehorsam ersichtlich.
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