Mit dem Charme der Zwanziger Jahre
FEUCHT – Man nehme Schlagfertigkeit, Selbstironie, eine Prise schwarzen Humor, mische dies mit viel Menschlichkeit und etwas Frivolität sowie typischem Frauen- und Männerverhalten, dazu etwas Frechheit und jüdischen Witz. Das alles würze man mit Charme, viel Können, Musikalität, Komödiantentum, Sensibilität und Hingebung. Wenn obendrein als reichhaltige Verzierung noch Berliner Geschichten und Ereignisse aus den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrtausends sowie eigene Erlebnisse kommen, dann kann das eigentlich nur einer in Perfektion auf die Bühne bringen: Robert Kreis, seines Zeichens „Mister Nostalgie“, Conférencier, Sänger, Unterhaltungskünstler und Pianist.
In der Feuchter Reichswaldhalle präsentierte der Niederländer nach seinem großartigen Auftritt im letzten Jahr („Das frivole Grammophon“) bei Veranstalter Schall und Rauch jetzt sein aktuelles Programm. In „Highlights“ blickt Kreis zurück auf fast 40 Jahre Bühnendasein, in denen es wahrlich von erzählenswerten Erlebnissen nur so wimmelt.
Seien es die ersten Auftritte in der Münchener „Drehleiher“ zu Beginn seiner Karriere, zu denen gleichzeitig Schweinshaxen und Knödel serviert wurden, oder die Erinnerungen an die kleine Nürnberger Pension bei Lotte Samajanski mit ihrer „stilvollen Möblierung“, dem Linoleumboden und der allen Widrigkeiten trotzenden Sanseveria (Bogenhanf), besser bekannt als „Schwiegermutterzunge“. Oder die Anekdoten aus der Zeit seiner Kreuzfahrten, bei denen er unter anderem den langjährigen Tagesschausprecher Werner Veigel kennen lernte, die Geburtstagsauftritte bei Jopie (Johannes) Heesters, der mit seinen 106 Jahren Kreis (60 Jahre) als jungen Mann bezeichnet.
Kreis hat sein „Metier“ von der Pike auf in einer Kleinkunstschule in Den Haag gelernt, und das spürt man. Da sitzt jede bedeutungsvolle Geste, jedes prägnante Hochziehen der geschminkten Augenbrauen, jede Betonung. Spürbar auch seine Liebe zum Publikum, für das er alle Register seines Könnens zieht. Gekonnt vermischt er längst Vergangenes aus der Zeit zwischen den Kriegen mit seiner eigenen Geschichte, umgarnt sein Publikum, flirtet, springt vom Heute zum Gestern, vom Ärger mit der Zimmerreservierung im Hamburger „Plaza“ à la Buchbinder Wanninger – er wird zu allen (un)möglichen Stellen mit „bitten warten, please hold the line“ weiterverbunden – bis zum tragischen-komischen „Warte-Tod“ eines Ehemanns am Ku’damm: Er stirbt, während er stundenlang auf seine Frau wartet, die nur „schnell“ eine Bluse kaufen möchte.
Amüsant verstreut der in Java geborene begeisterte Schellackplatten-, Noten- und Raritätensammler Kreis dazwischen Bonmonts, lässt Wissenswertes aus der Weimarer Zeit einfließen, jüdischen Humor mit seiner sprichwörtlichen Selbstironie aufblitzen. („Ich lege nachts immer mein Portemonnaie unters Kopfkissen.“ – „So hoch kann ich nicht schlafen.“). Natürlich dürfen hier auf keinen Fall Couplets und Chansons fehlen. Beispielsweise das unübertroffen tragikomische „Nachtgespenst“, das kommt „wenn du pennst“ und nur Geld für eine Busfahrkarte nimmt – eine Anspielung auf die eigentümlichen Gewohnheiten eines Berliner Regierungsrates (Text: Rudolph Nelson, Musik: Friedrich Hollaender) – oder das „Wenn ich Richard Tauber wär“ von Willy Rosen, das sich auf die regelrechte Tauber-Hysterie in den 20er und 30er Jahren bezieht.
Nichts an Aktualität verloren
Nichts an Aktualität verloren hat auch Rosens „Miese Zeiten“, das er mit „wo man hinsieht, wo man hinhört, nichts als Pleiten“ gerade erst gestern getextet haben könnte.
Schön, so einen stimmungsvollen und amüsanten Abend mit Können und Tiefgang erleben zu dürfen, der das Feuchter Publikum richtig begeisterte. Auf das neue Programm darf man schon gespannt sein – in „Wendekreis“ zieht Robert Kreis in Liedern und Texten die Parallelen zwischen den 20er und 30er Jahren damals und heute.



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