Claudia Mederer arbeitet an einem Flachwebstuhl

Vom Webdesign zum Webstuhl

Claudia Mederer in ihrem Verkaufs- und Ausstellungsraum in der Kirchgasse. Foto: Scharrer
Claudia Mederer in ihrem Verkaufs- und Ausstellungsraum in der Kirchgasse. Foto: Scharrer2016/01/Mederer.jpg

HERSBRUCK – „Drei Ketten ergeben ungefähr 60 Meter Kette, sind 50 000 Schuss, sind 100 000 Anschläge – und mein Mann sitzt daneben und liest in aller Seelenruhe“, so beschreibt Claudia Mederer ihre durchaus nicht lautlose, aber völlig gewaltfreie Arbeit am Flachwebstuhl. Fachausdrücke eines uralten Handwerks, die nicht mehr geläufig sind, weil wir Textilien käuflich erwerben und nicht mehr selbst anfertigen.

Die Ketten sind die aufgespannten Längsfäden, zwischen denen der Webschütze mit dem Querfaden eingeschossen wird. Claudia Mederer benutzt dazu eine Schnelllade, eine kleine mechanische Hilfe, die bereits 1733 erfunden wurde. Jeder einzelne Querfaden wird mit der Weblade zweimal angeklopft, um dem entstehenden Gewebe Festigkeit zu verleihen – der vielleicht geräuschvollste Teil des Handwerks, das in seiner einfachsten Form schon seit der Jungsteinzeit existiert.

Doch als rückwärtsgewandt will Mederer ihre Textilkunst nicht verstanden wissen: „Eine Handwerkskultur kann nur überleben, wenn sie gelebt, wenn sie professionell ausgeübt und gelehrt wird und ihre Produkte kreativen, zeitgenössischen Prozessen unterworfen sind“, betont sie.

Die gelernte Weberin kann in allen Bereichen punkten: Sie hat ihre Ausbildung in Schweden und im deutschen Sindelfingen erhalten, betrieb jahrelang ein eigenes Web-atelier in Kleedorf und in den 1990er-Jahren den Laden ART 4 in der Turngasse mit drei anderen Kunsthandwerkerinnen. Seitdem hat sie sich vom Webdesign mit langem E dem Webdesign mit kurzem E gewidmet und Webseiten erstellt.

Die Rückkehr an den Webstuhl erfolgte nun, weil dieser durch Umräumen der Wohnung wieder Platz im Wohnbereich fand. Dieses Jahr hat sie vor allem den Küchentextilien gewidmet, Handtüchern, Geschirrtüchern und Sets. Den Textilien, die wir nutzen, größere Aufmerksamkeit zu schenken, das könnte, so wünscht es sich Mederer, den Menschen zugutekommen, die weltweit in der Textilbranche arbeiten, teilweise unter schrecklichen Bedingungen. In der Kirchgasse 20, dem barocken Fachwerkhäuschen, in dem im 17. Jahrhundert der fränkische Kirchenmaler Johann Christoph Reich ein Dachstübchen als Atelier nützte, hat sie einen winzigen Showroom eröffnet.

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N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer
Carl Gross-The12tenors