Kabarettabend in der Reichswaldhalle mit Simone Solga

Souffleuse mit Auftrag

Im Auftrag der Kanzlerin mit der Lizenz zur Satire: Kabarettistin Simone Solga beim Auftritt in der Feuchter Reichswaldhalle. Foto: Krätzer
Im Auftrag der Kanzlerin mit der Lizenz zur Satire: Kabarettistin Simone Solga beim Auftritt in der Feuchter Reichswaldhalle. Foto: Krätzer2016/02/Solga_iA_2-2016_549.jpg

FEUCHT – Früher soufflierte sie, war bei Kanzlerin Merkel die kleine Frau im Ohr, die ihr brillant formulierte Aussagen einflüsterte, gelegentlich versteckt unterm Rednerpult oder bei Merkels unterm Sofa. Inzwischen hat Simone Solga – „großes S, kleine olga“ – Karriere gemacht. Mit eigenem Büro im Kanzleramt und schönstem Ausblick dirigiert sie dort ihren Mitarbeiterstab, bittet „Frau Merkel zum Zitat“ und lässt sich von Fahrerin Sandra Stockmann (aus Leipzig) im Auftrag der Kanzlerin durch Deutschland chauffieren. Unter anderem in die vollbesetzte Reichswaldhalle nach Feucht, denn hier stehen, laut Kanzlerinnenbeschluss, wichtige und radikale Veränderungen bevor.

Ein Teil des Auftrags der „von ihnen gewählten Kanzlerin“ lautet, das Gefühl zu vermitteln, dass Deutschlands Bürger noch etwas entscheiden könnten. „Sie müssen sehr tapfer sein.“ Was dem Publikum, beziehungsweise Feucht, bevorsteht, das behält sich Solga bis zur Auflösung am Ende des Programms vor. Dass man trotzdem wie gebannt an ihren Lippen hängt, jede Bewegung verfolgt, liegt an dem, was sie dazwischen von sich gibt. Tempo- und pointenreich, fundiert, politisch aktuell, in einem Umfang und Dichte folgen die Themen aufeinander, als ob sie dicht gedrängt und ungeduldig darauf warteten, jetzt endlich ins Rampenlicht auf die Bühne springen zu dürfen. Dominierendster Inhalt sind natürlich die Flüchtlinge und der Umgang mit ihnen.

Die Situation eskaliere, zitiert die Kabarettistin den Bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer und ergänzt: „Spätestens, wenn alle einen Telekom-Anschluss wollen“. Von „herzlich willkommen“ zu Beginn bis zum späteren „kommt gar nicht erst“ reichten die Signale der Bundesregierung. Sie seien vergleichbar einer von einem Teenager geposteten Party-Einladung auf Facebook, bei der dieser dann überrascht ist, dass alle kommen. Solga, Kabarettistin, Autorin – das Buch „Mein Leben als Kanzlersouffleuse“ erschien 2009 – und Schauspielerin, ist eine der ganz wenigen Frauen Deutschlands, die sich in der „Männerdomäne“ politisches Kabarett erfolgreich behaupten.

Seit ihrem ersten Soloprogramm „Ich pack’s“ (2000) ist die „Perle mit Zündschnur“ so erfolgreich, dass sie 2014 den Deutschen Kabarettpreis erhielt.

In ihrem inzwischen fünften Programm „Im Auftrag der Kanzlerin“ ist alles aus einem Guss, angefangen von den Texten bis zur Regie. Seit zwei Jahren tourt sie damit durch Deutschland, gastierte im Kanzlerinauftrag schon einmal in Feucht. Überhaupt scheint sich die Powerfrau und früherer Leipziger Pfeffermüllerin sowie Münchner Lach- und Schiesserin hier und bei Veranstalter KulturSPD sehr wohl zu fühlen, ist seit vielen Jahren gefragter Gast.

Die Angst der Deutschen

Schwungvoll und nahtlos reiht sich Thema an Thema, folgt auf Gedanken über die mächtigste Frau der Welt (Angela Merkel) – unter anderem verlieh ihr Präsident Obama die Freiheitsmedaille, die höchste zivile Auszeichnung der USA – der US-Traum vom Tellerwäscher und Millionär. Den gebe es auch bei uns: Tellerwäscher bleibt Tellerwäscher, Millionär bleibt Millionär. Die Angst der Deutschen und was finanziell noch auf sie zukommen könnte („besser jetzt das Geld raushauen, tebartzen“) nimmt sie aufs Korn, ebenso die Frage, wer nach Merkel Kanzler wird. Vielleicht, so mutmaßt Solga, sei Merkel ja eine jetzt aktivierte SED-Schläferin, Wer weiß schon, was sie damals Leonid Iljitsch Breschnew auf seinem Totenbett versprechen musste? Vielleicht Deutschland fertigzumachen?

Mit Kopf, Können, Gesang, Witz und gewaltigem Charme bezaubert diese Kanzlerinnenbeauftragte, auch wenn sie jetzt die Katze aus dem Sack lässt: Wegen Platzbedarfs für Flüchtlinge wird Feucht in die Arabischen Emirate evakuiert. Riesenapplaus für dieses frische, vielseitige und turbulente Programm der „sächsischen Ich-AG“.Dorothée Krätzer

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