Kultur HZ
13.03.12 15:22 Uhr

Dienstmann mit Moral

Von: Walter Grzesiek

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Keine Pause: Während die Gäste Sekt nippen, wirbt der Dienstmann für sein Arabien-Buch. Foto: Grzesiek

HERSBRUCK - Im kühl-sachlichen Sparkassensaal gab der Dienstmann „Fonsi“ aus dem romantischen Schloss Neuschwanstein seine Vorstellung. Christian Springer ist Komiker und Kabarettist, aber vor allem ein tiefer Moralist, dessen Urteilskraft man längst nicht so schnell auf die Spur kommt wie er redet.

Na gut, der Wulff, das musste natürlich zum Auftakt sein. Wenn eines der dankbarsten Objekte für ganze Kabarettabende den Lästermäulern der Nation vorzeitig von der Fahne geht, dann darf ihn auch ein Fonsi nicht übergehen. Aber Christian Springer nutzt den gescheiterten Bundespräsidenten wirklich nur zum Aufwärmen des Publikums. Überhaupt hält er sich in seinem neuen Programm „Jetzt reicht s — aber nicht für alle!“ nicht lange bei den Eigenheiten und Eitelkeiten einzelner Politiker auf, sondern braucht einen ratzfatz wandelbaren Markus Söder oder einen tollkühn naseweisen Philipp Rösler nur als illustrative Pappkameraden im Sittengemälde des 21. Jahrhunderts — wo das Volk mit seinen Politikern nichts mehr anfangen kann, aber „die auch nichts mehr mit uns“.

Weil es nicht mehr zum Nachdenken über den Tag hinaus reicht, meint der Fonsi, weil die Medien jede Woche eine andere Sau durchs Dorf treiben müssen, haben wir nach einem Jahr die Atom-Katastrophe von Fukushima eigentlich schon wieder vergessen, wollen wir zwar weiterhin gern aus der Kernkraft aussteigen — aber doch nicht mit einem Windrad in unserem Hinterhof! „Wir wollen am Nachmittag was anderes als am Vormittag, die Lichterkette zu Weihnachten reicht nicht mehr mit 3 Meter 20, sondern braucht jetzt schon 8 Kilometer. Wir sind schwer erziehbar geworden“, stöhnt der Fonsi. Und da haben wir dann auch eine Lehrerin wie die Merkel verdient.

Wie die Welt ausschauen würde, wenn wir nicht so sehr auf den eigenen Vorteil und das schnelle Glück aus wären, weiß dieser unscheinbare Dienstmann mit seinem abgetragenen Jackett, seiner alten Aktentasche und dem Teepott natürlich auch nicht. Aber er setzt immer wieder seinen gesunden Menschenverstand ein, um uns die Welt, so wie wir sie uns schönreden, madig zu machen. Zu Recht.

Dieser Menschenverstand ist nicht mehr gefragt, wenn es Gesetze braucht, wonach eine Sackgasse keine Einbahnstraße sein darf und Radler nicht auf der Autobahn fahren dürfen: „Na freilich, radeln wir doch mal schnell von München zum Nürnberger Christkindlesmarkt auf der A 9!“ Die Hersbrucker, die in der Pause statt über die dargebotene Kabarettkunst lieber über die neue Krankheit der Nachbarin reden, fleht er an: „Genießen Sie das Ratschen, denn es ist eines der wenigen Dinge, die bei uns noch nicht reglementiert sind.“ Bald wird es jedoch kommen, dass sich der Sonntagsausflügler im Lokal von zu ernsten Themen am Nachbarstisch belästigt fühlt. Deshalb muss ein Gesetz über zu ernsthafte Gespräche in der Öffentlichkeit her. Wenn es da ist, werden die meisten sagen: „Na ja, mich trifft s ja net, wir reden eh nix ernstes, wir schauen nur fern.“

Es ist diese Art alltäglichen Wahnsinns, dem der Fonsi seinen Alltagsverstand entgegensetzt. Er hält fest am menschlichen Miteinander ohne Regelwut und Rechthaberei — und das weltweit. Wenn Fonsis Programm mit einem Zither-Nachruf auf den in Afghanistan sinnlos getöteten Soldaten endet, dann geht es im Foyer mit seinem neuen Buch weiter: Der Orient-Liebhaber hat mit dem Werk „Wo geht s hier nach Arabien?“ Franz Josef Strauß, Kaiser Wilhelm, Andreas Baader, Karl Marx, Jogi Löw und anderen deutschen Nahost-Fahrern ein satirisches Denkmal gesetzt.




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