Wirklich stark: "Carmen" als Kammerspiel
DEHNBERG - Bizets weltberühmte Oper «Carmen» auf ein musikalisches Kammerspiel zu reduzieren, ist ein Wagnis. Doch der Versuch ist geglückt. Bei der Premiere im Dehnberger Hoftheater entpuppte sich die Inszenierung von Carsten Ludwig, die auf der ursprünglichen Novelle von Mérimée basiert, als dichtes Bühnenstück mit starken Schauspielern und beklemmender Dramaturgie, in dem die wunderbare Musik Bizets Hoffnungsträger und Totengräber zugleich ist.
Nein, wer auch nur im Ansatz an die gängigen Opernaufführungen von «Carmen» denkt und ein bisschen mitschunkeln will, ist hier falsch. Keine Folklore, keine Massenszenen, das Ende einer großen Liebe und Leidenschaft spielt sich in einer zehn Quadratmeter kleinen grauen Gefängniszelle ab.
Hier fristet Don José (Victor Schiering) nach dem Mord an Carmen seine letzten Tage vor dem Henker und wird von einem ihm bekannten Handlungsreisenden (Lutz Blochberger) ins Kreuzverhör genommen. Emotionslos wie ein Psychiater und distanziert wie ein Kriegsberichterstatter entlockt dieser dem erschöpften Jüngling, der wie im Wahn noch immer liebestrunken an seinen Erinnerungen festhält, die Chronologie der Ereignisse.
Ludwig bleibt dicht an der bekannten Geschichte. Von der Cassia-Blüte, die Carmen Don José zuwirft und damit das Feuer in ihm entfacht, über das schrittweise Hineingleiten des kreuzbraven Soldaten in die Welt der Schmuggler und Zigeuner bis hin zum bitteren Ende der Liaison entwickelt sich das Geschehen in nachvollziehbaren Rückblenden.
Im Zentrum stehen die Charaktere der beiden Protagonisten, die widersprüchlicher nicht sein könnten: Hier der biedere, noch kindlich und naiv wirkende Don José, den Victor Schiering mit Struwelfrisur und jugendlicher Stimme überzeugend darstellt, da die quirlige, freiheitsliebende und viel reifere Carmen, wunderbar von Tanja Maria Froidl verkörpert, die keine Gelegenheit auslässt, Don José zu demütigen, um ihn dann wieder zu locken. Das ewige Thema Frau-Mann, es wird hier auf die Spitze getrieben. «Bist Du des Teufels?» fragt Don Jose sie irgendwann, «Ja» antwortet Carmen.
Was die dialogintensive Inszenierung (Victor Schiering und Lutz Blochberger geben hier ihr Bestes) gelungen macht, ist neben der engagierten Leistung des Ensembles der starke dramaturgische Kontrast zwischen dem Grau des Gefängnisses und den Auftritten von Carmen in ihren feurig bunten Kostümen, die wie eine Erscheinung aus einer fernen Welt wirkt. Fächer schwingend bringt sie bei jedem ihrer Auftritte neues Unheil mit, doch Don José wehrt sich nicht. Schicksal? Die Frage bleibt unbeantwortet.
Zum anderen ist es die unsterbliche Musik. Die bekannten Arien Bizets, zum Teil in deutscher Übersetzung, singt Tanja Maria Froidl mit ihrem klaren Sopran so intensiv und schön, dass klar ist, warum Don José sich in sie verlieben muss.
Norbert Nagel an der Klarinette und Juri Kravets am Akkordeon verstehen es im Hintergrund, die Emotionen des Moments aufzunehmen: Immer wieder spielen sie die bekannten Melodien an, reduzieren und variieren sie je nach Stimmung, ohne dass etwas verloren geht.
In einer Schlüsselszene, als Carmen in den Karten den Tod für beide vorhersieht, seufzt das Akkordeon und weint die Klarinette hinter dem transparenten Vorhang bittere Tränen. Wirklich eine starke Inszenierung.
Isabel Krieger
Weitere Termine im DHT: 23. Oktober, 14. November (jeweils 20 Uhr) und 17. Januar (17 Uhr).





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