Staatsphilharmonie am 26. März in Altdorf

Johannespassion in Opernhaus und Kirche

Marcus Bosch.  Foto: Ulf Krentz
Marcus Bosch. Foto: Ulf Krentz | Foto: Heike Rost2016/03/db-marcusbosch.jpg

ALTDORF – Eine Passionsmusik im Opernhaus? Ein ungewöhnliches Projekt ist das Konzert „Einkehr mit Bach“, bei dem Marcus Bosch und die Staatsphilharmonie Nürnberg Johann Sebastian Bachs Johannespassion zuerst im Opernhaus und am folgenden Karsamstag in der Laurentiuskirche in Altdorf musizieren werden. Bischof Stefan Ark Nitsche, der das Konzert mit „Worten zur Passion“ begleiten wird, und Generalmusikdirektor Marcus Bosch haben sich zum Austausch getroffen – über Bach, die Passion und ihre Bedeutung in der Welt. Am 26. März wird die Komposition um 17 Uhr in der Laurentiuskirche aufgeführt.

Der Bericht des Evangelisten Johannes über die Verhaftung, das Verhör und die Kreuzigung Jesu steht im Mittelpunkt von Bachs Passionsoratorium. Die Johannespassion ist die frühere und kürzere der beiden Passionsvertonungen des Leipziger Thomaskantors, die erhalten geblieben sind.

Ursprünglich für den Gottesdienst geschrieben

Doch auch hier stehen neben der Passionserzählung reflektierende Arien und Choräle als Stimmen der Einzelnen und der Gemeinde sowie mehrere große Chöre einander gegenüber. Ursprünglich für den Gottesdienst geschrieben, haben die Oratorien von Bach und Händel spätestens seit dem 19. Jahrhundert ihren Weg in die Konzertsäle gefunden, auch außerhalb der Passionszeit. Dennoch, das Werk des „fünften Evangelisten“ Bach ist mehr als Musik, es ist ein bewegendes Glaubensbekenntnis, ein zentrales Werk der christlichen, genauer gesagt, protestantischen Kultur.

Als Theologe weiß Stefan Ark Nitsche von den Vorbehalten, ein so heiliges Musikstück wie die Johannespassion in einem Opernhaus zu spielen. „Es gibt eine alte Distanz der Kirche zum Theater, die bis auf die Kirchenväter zurückgeht“, berichtet der Bischof. „Dem Theater wird da schnell eine Unwahrhaftigkeit, eine Scheinhaftigkeit unterstellt. Dabei liegen doch Kunst und Religion eigentlich sehr dicht bei­einander, denn beide suchen nach einer Wahrheit und nach Möglichkeiten, diese darzustellen.“

Kirche und Theater

Auch Marcus Bosch ist sich der Problematik dieser Konstellation bewusst. „Wir bringen die Johannespassion ja nicht als Theaterstück, wobei auch das, etwa im Ballett, schon gemacht worden ist. Wir spielen die Passion erst in einem Theater und dann in einer Kirche, und ich glaube, dass man das Werk da zweimal sehr unterschiedlich erleben kann. Wahrscheinlich lösen sich alle Vorbehalte, ob man Bachs geistliche Musik in einem Opernhaus spielen kann, ohnehin in dem Moment auf, wenn der erste Ton erklingt.“

Die Staatsphilharmonie Nürnberg führt mit dem Projekt ihre Reihe „Einkehr mit Bach“ fort. „Natürlich bleibt der stille Charakter des Tages bewahrt“, betont Bosch. „Aber nach dem Konzert in Altdorf soll es auch ganz gezielt Gelegenheit zum Austausch und zum gemeinsamen Zusammenkommen geben.“ Vorgesehen ist ein Treffen im Gasthaus „Alte Nagelschmiede“.

Die ehrlichste Musik

Was treibt einen Opern- und Konzertdirigenten, der gerade Wagners Untergang der germanischen Götterwelt auf die Bühne gebracht hat, zu Bachs Passionen? Begeisterung für die Johannespassion spürt man bei dem Dirigenten ebenso stark wie bei dem Bischof. Marcus Bosch ist mit geistlicher Musik aufgewachsen, hat als Jugendlicher Orgel gespielt, während seine Eltern den Kirchenchor geleitet haben. „Diese Choräle, die Bach verwendet, das ist meine musikalische Herkunft, der Ursprung des Musik-Machens für mich. Und ich spüre gerade bei den Chorälen eine zutiefst religiöse Ergriffenheit, vielleicht weil das so eine ehrliche, reine Musik ist. Das ist meine persönliche Motivation, dieses Stück aufzuführen.“

Nicht der schöne Klang steht für den Musiker Bosch im Mittelpunkt des Werkes, sondern das Wort, die Bedeutung der Musik: „Diese textliche Tiefe und Bildhaftigkeit ziehen einem den Boden unter den Füßen weg.“ Dennoch, die Johannespassion dirigiert der Generalmusikdirektor zum ersten Mal: „Wahrscheinlich bin ich der einzige der Mitwirkenden, der das noch nie musiziert hat“, schmunzelt der Dirigent.

Auch für Stefan Ark Nitsche ist es eine neue Situation, sich nicht als Prediger in der Kirche, sondern als Vortragender in einem Konzert mit der Passionsgeschichte auseinanderzusetzen. Seine Worte zur Passion werden „keine Predigt, aber auch kein Referat“, stellt der Bischof klar. „Ich werde versuchen, die Welt der Passion aus einer theologischen Perspektive zu entschlüsseln, und zwar an genau der Stelle zwischen den beiden Teilen der Passion, an der zu Bachs Zeit die Predigt stattgefunden hat.“

Bischof Ark Nitsche
Bischof Ark Nitsche | Foto: Heike Rost2016/03/ark-nitsche.jpg

Was interessiert einen Theologen an Bachs Werk? „Das Besondere an der Johannespassion ist ihre Figurenkonstellation: Es ist vor allem der Evangelist, der leidet, während er die Passionsgeschichte erzählt. Christus bleibt, gerade im Vergleich zur Matthäuspassion, sehr souverän.“

Eine Souveränität, die in sich die Hingabe birgt, das ist für Stefan Ark Nitsche der religiöse Kern dieser Passionserzählung. „Es gibt im Barock diese Faszination von Blut und Wunden“, erläutert er. „Schuld verlangt nach Blut, und die Schuld der Welt wird durch das Blut Jesu gesühnt. Diese Dialektik von Jesu Leiden und Vergebung ist in Bachs Passionen sehr stark. Aber dennoch: Der Sinn des Karfreitags ist eben die Überwindung von Gewalt und von Rache. Das ist etwas sehr Tröstliches.“

Aufruf zu Gewaltlosigkeit?

Die Johannespassion als Aufruf zu Frieden und Gewaltlosigkeit? Die Chöre der aufgebrachten Menge, die Jesu Verurteilung fordern, sind für Marcus Bosch jedenfalls ein Beweis für die Zeitlosigkeit des Werkes. „Bach hat da puren Fanatismus und Hass komponiert, wie man ihn leider heute wieder auf den Straßen hören kann.“ Die Werke Bachs sind Teil der europäischen kulturellen Identität, und nicht zuletzt deshalb hat die Johannespassion eine für die Gegenwart mit ihren Umbrüchen und den Konflikten von Kulturen und Werten wichtige Botschaft. Bischof Nitsche ist sich sicher: „Wenn wir unsere Identität verlieren, verlieren wir auch unsere Dialogfähigkeit.“

Am Tag vor dem Konzert in Altdorf, also am 25. März, findet die gleiche Veranstaltung um 18 Uhr im Opernhaus statt. Die musikalische Leitung hat Marcus Bosch, Solisten sind Sophie Klußmann (Sopran), Ida Aldrian (Mezzosopran), Dávid Szigetvári (Evangelist und Tenor-Arien), Sebastian Geyer (Christusworte und Bass-Arien), Daniel Dropulja (Pilatus). Es musizieren das Vokalwerk Nürnberg (Einstudierung: Andreas Klippert) und die Staatsphilharmonie Nürnberg. Worte zur Passion spricht Bischof Stefan Ark Nitsche.

 

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