Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart

Erste öffentliche Führung am Doku-Ort KZ Hersbruck

Matthias Rittner weist auf die Verbindung nach Happurg hin. Foto: Pitsch
Matthias Rittner weist auf die Verbindung nach Happurg hin. Foto: Pitsch2016/02/KZKubus1.jpg

HERSBRUCK – Rund 20 Menschen, Jung und Alt aus Hersbruck und der Umgebung, versammeln sich vor dem Kubus beim Hersbrucker Finanzamt. Ruhig ist die Stimmung, als sie warten, dass die erste öffentliche und kostenlose Führung am Dokumentationsort des KZ Hersbruck/Happurg beginnt: eine spannende und eindrucksvolle Stunde.

Matthias Rittner von der Gedenkstätte Flossenbürg hat selbst an den Texten für den Kubus mitgearbeitet. Jetzt wird er erstmals der Öffentlichkeit einen Einblick in Entstehungsgeschichte des Doppel-Gedenkortes, Aufbau, Konzeption und Intention des „schwarzen Müllcontainers, der bewusst stören soll“, so der Historiker, geben. Die Führungen sind ein Pilotprojekt, denn der „Kubus soll durch Schulklassen auch pädagogisch bespielt werden“, erläutert er.

Seine Frage zum Einstieg mag beim Blick auf die Anwesenden etwas verwundern, erzielt aber die gewünschte Wirkung von Aufmerksamkeit und regem Austausch der Teilnehmer: „Wer von Ihnen kennt das Lager noch?“ Keiner. Die Leute sind entweder zu jung oder nicht von hier. Aber ein paar haben darüber von der Mutter erzählt bekommen.

Dass man heute nichts mehr sieht, liegt an der kompletten Überbauung des Geländes, das einst das zweitgrößte der 90 Außenlager von Flossenbürg war. Ein älterer Herr wundert sich nicht über diesen Umstand: „Wir haben auch in der Schule danach nichts erzählt bekommen.“ Rittner kann das mit dem gesellschaftlichen Wunsch nach Vergessen in den 50ern erklären.

Doch nicht alle haben damals die Augen zu gemacht, beim Vorbeitreiben der KZ-Insassen die Fenster dicht gemacht und abgewartet, bis sie am Haus vorbeiwaren, wie einer erzählt. Einige haben den Häftlingen sogar Essen zugesteckt, weiß ein anderer. Das sei aber abhängig von den Bewachern gewesen. Die Nachbarin eines Besuchers sei einmal deutlich zurecht gewiesen worden.

Rittner ist in dieser Phase der Führung eher der Moderator und ergänzt mit Fakten. Im Inneren des Kubus jedoch, als die Bilder über die Panoramawand laufen und er Details dazu berichtet, hören alle still und gebannt, teils entsetzt, und nachdenklich zu. Sie folgen dem Ziel des Ortes aus Gedenken und Dokumentation.

Dazu trägt der schlichte Kubus mit seiner beklemmenden Dunkelheit bei. Für einen Jungen sind während Rittners Ausführungen eher die aufscheinenden Namen der ehemaligen Insassen interessant. Er drückt auf diesen herum und hüpft von Biografie zu Biografie.

Zum Schluss der Stunde geht es nach draußen auf das ehemalige Lagergelände. Luftbilder von damals und heute zeigen die Veränderung. Wo früher Stege über den Schlamm zu den Baracken führten, wird heute Tennis gespielt und geparkt. Rittner gibt über Zitate Einblick in das KZ-Leben und die Nazi-Denke, dass die „Ressource Mensch unerschöpflich“ ist.

Da fragt plötzlich einer in die Runde, ob sich an diesem Schwarzweiß-Denken und am Umgang mit der Menschenwürde wirklich so viel geändert hat. Flüchtlinge ist das Stichwort. Und ein anderer meint, dass es erschreckend ist, dass so etwas wieder geschehen kann, weil es immer Menschen gibt, die sich für besser, gerechter, gläubiger halten. Eine Antwort darauf hat Rittner nicht. Braucht er auch nicht. Der Ort und die Führung haben zum Grübeln angeregt. Ziel erreicht.

Ab sofort gibt es regelmäßig am ersten und dritten Sonntag im Monat um 14 Uhr öffentliche Führungen der Gedenkstätte Flossenbürg für interessierte Einzelbesucher am Dokumentationsort Hersbruck. Treffpunkt ist der Kubus in Hersbruck (in unmittelbarer Nähe der Fackelmann-Therme).

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch