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Kultur HZ
03.02.12 13:22 Uhr

Freunde als Retter

Von: Ulla Meckler

Ljubiša Letic letzte Woche bei der Lesung in Hersbruck. Foto: Meckler

HERSBRUCK - Was haben die NS-Verbrechen mit den Menschen gemacht und wie schafften es manche KZ-Häftlinge dennoch, die Qualen zu überleben? Antworten auf diese schwierigen Fragen gibt der ehemalige Herbsbrucker Lagerinsasse Ljubiša Letic in seinem Buch „...nur wir Betroffenen wissen, durch welche Hölle wir gegangen sind“. Anschaulich und sehr ehrlich erzählt er darin, wie er einer schier ausweglosen Situation lebend entkam.

Der krasse Gegensatz zwischen den Personen, die die Macht haben, und denjenigen, die sich dieser zu unterwerfen haben, kennzeichnet von Beginn an den Bericht des 86-jährigen Serben. Nackt müssen sich die Deportierten bei Minusgraden im KZ Flossenbürg vor den SS-Aufsehern ausziehen, während diese in Wintermänteln, Winterstiefeln und warmen Handschuhen vor ihnen stehen. Hakenkreuze werden den Häftlingen in die Haare rasiert, auch auf die Stirn malen ihnen die SS-Leute ihr Kennzeichen. Spätestens als Ljubiša die Häftlingsnummer 36314 auf dem Oberkörper eintätowiert bekommt, ist er sicher, nicht mehr lebend aus der Gefangenschaft herauszukommen.

Daran lassen die SS-Aufseher auch nie einen Zweifel. Regelmäßig geben sie ihren „Untergebenen“ zu verstehen, dass sie nur solange am Leben bleiben wie sie arbeiten können. Danach würden alle erschossen oder ins Krematorium geschickt. „Alles Krematorium“, dieser immer wiederkehrende Spruch hat sich Ljubiša im Gedächtnis eingebrannt.

Grund zur Hoffnung haben die Häftlinge nicht: Der Serbe beschreibt, wie sie bei Eiseskälte Erde und Schlamm begradigen müssen. Gepeinigt und mit ihren dünnen nassen Sträflingsanzügen legen sie sich nachts auf die völlig verlausten Pritschen in den Baracken. Tagaus tagein.

Auch die völlig willkürliche Anwendung von Gewalt hinterlässt bei dem damals 19-jährigen Jungen tiefe Spuren: Beim morgendlichen Appell muss jeder zehnte Gefangene zwei Schritte hervortreten, wird abgeführt und kommt nie wieder. Pures Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu stehen. Ljubiša sagt, dass die Insassen dadurch zu „gefühllosen, abgestumpften Wesen verkamen“.

Dieser Prozess vollzieht sich schleichend: Bei der Ankunft in Hersbruck an der Rampe ist er von dem Gebrüll und den Peitschenhieben der SS-Soldaten schon nicht mehr so erschrocken wie zuvor in Flossenbürg. Als seine Schuhe geklaut werden, klaut er sich welche von einem Italiener. Der weint jämmerlich, doch sie wieder zurückzugeben, daran denkt Ljubiša nicht. Auch beim Kampf ums Essen, als gegen Ende des Krieges die Versorgungslage immer schlechter wird, verprügeln die Stärkeren die Schwächeren für ein Stück Brot. „In solchen Situationen hört der Mensch auf, Mensch zu sein“, sagt Ljubiša.

„Kartoschki“ fürs Überleben

Das Essen als Überlebensfaktor spielt ohnehin eine zentrale Rolle in der in neun Kapitel untergliederten Broschüre. Sein tschechischer Freund, ein Sprengmeister im Happurger Stollen, kümmert sich mit „Konserven, Brot und Salz“ um ihn, seine russischen Freunde Iwan, Aljoscha, Nikolai und Sergei vergessen ihn nie mit „einigen Kartoschki“. Für Ljubiša ist klar: „So konnte ich überleben.“ Diese menschlichen Gesten - „weil er gemocht wurde“ - sind seine Rettung.

Nach den Erzählungen über die Erniedrigungen, die der junge Mann und seine Leidensgenossen auf dem Weg in das Dachau KZ erfahren, muten die Szenen nach der Befreiung in Schmidmühlen auch für den Leser befreiend an: Ljubiša erzählt, wie sie wieder duschen konnten, desinfiziert und mit frischer Unterwäsche und Kleidung versorgt wurden. Alles ist auf einmal wieder sauber. Auch zu Essen haben die ausgemergelten Gestalten genug: Mehl, Kartoffeln, Zwiebeln, Milch und Eier. So bringen die Amerikaner „lebende Skelette“ aus den Todeslagern wieder ins Leben zurück. Sogar Schokolade und Zigaretten gibt es.

Am Anfang, erinnert sich Ljubiša, fühlt es sich sonderbar an, sich wieder frei zu bewegen. Doch irgendwann - mittlerweile in einer Unterkunft in München - tut wieder jeder das, was ihm, gefällt: „Musik fehlte nicht, es wurde gesungen, getanzt, und es gab viel Unterhaltung.“ Wer mehr über tiefe menschliche Abgründe und große Freuden des Lebens erfahren möchte, ist bei dieser Lektüre bestens aufgehoben.

Ulla Meckler

Zu kaufen ist der Bericht beim Dokuverein KZ Hersbruck und in der Buchhandlung Lösch für 8, 95 Euro.




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